Brachezeit

Evangelische Landeskirche Württemberg

Zugegeben: Auf den Straßen und in den Einkaufszentren wird man an Karsamstag nicht viel davon spüren. Das Leben geht weiter, ich bin dabei, und Sie wahrscheinlich auch. Trotzdem beschäftigt mich dieser Tag. Er erinnert mich nämlich an andere Tage, an Zeiten der Erschöpfung oder Trauer, in denen scheinbar nichts vorangeht.
Manchmal passiert mir das im Alltag, wenn ich endlich mal ein paar Stunden nur für mich Zeit habe. Ich habe tausend Pläne, was ich alles machen könnte. Aber ich merke: Eigentlich bin ich viel zu erschöpft, kann mich zu nichts aufraffen. Die kostbare Zeit vergeht und nichts von dem, was ich tun wollte, geschieht.
Manchmal geht es mir auch so, wenn sich etwas in meinem Leben verändert: Ein Abschied, ein Umzug, ein Wechsel im Beruf. Eigentlich könnte etwas Neues beginnen. Aber statt dessen verstreicht Zeit, in der ich dem nachhänge, was war. Zeit, in der scheinbar nichts passiert. So wie am Karsamstag.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – mich machen solche Leerlaufphasen schnell unzufrieden. Und trotzdem ist mir klar: Sie haben ihren guten Sinn. In der Zeit, in der scheinbar nichts geschieht, passiert in Wirklichkeit viel. Ich stelle mir das so vor wie beim Ackerboden. Wenn er ständig genutzt wird, ist er irgendwann ausgelaugt. Dann braucht es eine Zeit der Brache, damit er sich wieder regenerieren kann. Es sammeln sich Nährstoffe an, der Boden wird wieder fruchtbar und schließlich kann etwas Neues darin keimen.
Ähnlich ist es auch mit den Brachezeiten in meinem Leben. Wenn scheinbar nichts vorangeht, sammle ich neue Kräfte, entwickeln sich im Verborgenen neue Ideen.
Der Karsamstag erinnert mich daran, wie wichtig diese Phasen sind. Und er ermutigt mich, geduldig zu sein – mit mir, wenn es mal wieder nicht so recht vorangeht. Und mit anderen, wenn sie für eine Umstellung, einen Abschied, einen Neubeginn mehr Zeit brauchen als ich es erwartet hätte.
Gott selbst nimmt sich Zeit zwischen Karfreitag und Ostersonntag. Er lässt auch uns Zeit. Wir können sie uns nehmen.

Caroline Rittberger-Klas für Kirche im SWR, http://www.kirche-im-swr.de

Dieser Beitrag wurde gesendet auf SWR2.

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