"Aus der Liebschaft wird eine feste Verbindung"

Evangelische Landeskirche Württemberg

Nicht als Aprilscherz wollten die evangelische und katholische Kirchengemeinde es verstanden wissen, dass sie am 1. April noch näher als bisher zusammengerückt sind. Und zusammenrücken ist hier durchaus wörtlich zu verstehen, jetzt teilen sich die beiden Kirchengemeinden das evangelische Gemeindehaus. Die katholische Kirche, die ihr "Effata" – schweren Herzens – aufgegeben hat, kann die Gemeindearbeit künftig in gemieteten Räumen des evangelischen Gemeindehauses fortsetzen.

Der Palmsonntag ist nur eine von vielen Festen und Veranstaltungen, die in Oberensingen schon seit Jahren von beiden Kirchen gemeinsam gefeiert werden. Vor dem gemeinsamen Mittagessen am Sonntag blickten Vertreter beider Kirchengemeinden nochmals zurück auf den Prozess des Zusammenrückens. So sieht die Vorsitzende des Oberensinger Ortsausschusses der katholischen Kirche, Michaela Haupt, die ökumenische Zusammenarbeit durch diese Wohngemeinschaft weiter gefestigt. "Ohne dass alles über einen Kamm geschert werden wird", wie sie betont. Jeder solle sein eigenes Profil behalten. Ein Raum im neuen Haus soll in Erinnerung an das alte Gemeindehaus denn auch den Namen "Effata" erhalten.

"Des hätt‘ i nie denkt, das d’Katholische und d’Evangelische mol z’ammaganget", zitierte Pfarrer Michael Vinçon einen der Handwerker, die in den letzten Wochen unermüdlich gearbeitet hatten, damit der Umbau und die notwendig gewordene Sanierung des evangelischen Gemeindehauses pünktlich zum 1. April fertig würde und auch die letzte Schranktüre richtig saß. "Für uns war es jedoch nicht undenkbar", bekräftigte er und verwies ebenfalls auf die gemeinsame Arbeit der beiden Kirchen, die sich in Ulrich Mühlhauses Augen seither mit einer Liebschaft vergleichen ließ. Und wie bei einer Liebschaft wohnt eben zunächst einmal jeder für sich. "Aus der Liebschaft ist nun eine feste Verbindung geworden", sagte Mühlhouse, Zweiter Vorsitzender der Katholischen Kirchengemeinde, augenzwinkernd. Für ihn ist entscheidend, dass die katholische Kirche in Oberensingen langfristig eine Heimat hat. Und das Zusammenrücken mit der evangelischen Schwestergemeinde sei kein Schnellschuss gewesen, sondern ein Prozess, bei dem sich Vertrauen entwickelt habe. "Das künftige tägliche Miteinander bringt die evangelischen und katholischen Christen einander noch näher", sagte er voraus und wünscht sich, dass das Oberensinger Modell auch Vorbild für andere Christen sein möge. Denn, so warf Pfarrerin Elke Dangelmaier-Vinçon ein: Weder in der Württembergischen Landeskirche noch innerhalb der Diözese Rottenburg sei bisher ein vergleichbares Projekt bekannt.

Nicht neu indes war das Thema für Nürtingens evangelischen Dekan Michael Waldmann. Schon vor gut acht Jahren, zu Beginn seiner Amtszeit, habe ihn der damalige katholische Kollege Wolfgang Sedlmeier gefragt, was er denn davon halte, die Gebäude gemeinsam zu nutzen. Dass er dieses Projekt fördern konnte, darüber zeigte sich Waldmann sehr erfreut. Die zwei Kirchengemeinden hätten nicht nur einen Herrn, sondern nun auch ein gemeinsames Dach. "Ökumene lässt sich in einem gemeinsamen Haus besser nach außen darstellen und kann auch noch besser wachsen. Dies dient der Glaubwürdigkeit der Kirchen", sagte Waldmann. Als theologisch richtig, ökumenisch und ökologisch sinnvoll bezeichnete er das gemeinsame Gemeindehaus.

Aufgabe der Kirche ist es nicht, Gebäude zu erhalten

Die Kirchen hätten vielleicht in guten Zeiten zu viele Gebäude errichtet, um den Menschen nahe zu sein. Heute, in Zeiten sinkender Mitgliederzahlen, müsse man einen Schritt zurückgehen. "Aufgabe der Kirche ist es ja nicht, Gebäude zu erhalten, sondern den Menschen zu dienen, und dafür sind Gebäude hilfreich, aber man muss sie ja nicht besitzen. Man kann sie ja auch mieten", sprach Waldmann die Schwierigkeiten an, mit denen Kirchen heute zu kämpfen haben. Und bei gemeinsamer Nutzung und Ökumene sei man noch nicht am Ende, schloss der Dekan mit dem Wunsch nach einer starken Ökumene.

Nürtingens Oberbürgermeister Otmar Heirich ist überzeugt davon, dass das Projekt Schule machen wird, vielleicht auch auf Kommunal- und Vereinsebene. "Man wird sich zukünftig nicht mehr leisten können, dass jeder einen Versammlungsraum oder ein Vereinsheim für sich haben wird", sagte Heirich. Ihn freute es besonders, dass Oberensingen die Speerspitze dieses wegweisenden Projekts der katholischen und evangelischen Kirche ist.

Begonnen hatte der Sonntagvormittag im Effata – ein letztes Mal. Von hier setzte sich feierlich eine Palmsonntags-Prozession in Gang, um in der Oberensinger Kirche den ökumenischen Gottesdienst zu feiern. Am Nachmittag wurde dann auch der neue Name des Gemeindehauses bekannt gegeben: K2O – Zwei Kirchen in Oberensingen.

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