"Nie mehr feige sein"

Evangelische Landeskirche Württemberg

Diese findet am am Donnerstag, 8. März, um 19.30 Uhr im Gemeindehaus am Blarerplatz in Esslingen statt. Dr. Rupert Neudeck, Gründer des Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte e.V. und heute Vorsitzender des Friedenskorps Grünhelme e.V., spricht über vergangene und aktuelle Projekte. Seit 1979 setzt er sich auf der ganzen Welt für Freiheit, Gerechtigkeit und die Wahrung der Menschenwürde ein. Im Interview mit Ulrike Rapp-Hirrlinger erzählt der Theologe und Journalist über diese Arbeit. 

Die Grünhelme sind ein Friedenskorps junger Deutscher. Ihr Ziel ist es, dass Christen und Muslime (und andere Menschen guten Willens) gemeinsam das aufbauen, was andere widerrechtlich zerschlagen haben. Wo und in welcher Form geschieht diese Arbeit?

Wir arbeiten beim Aufbau von Schulen, Wohnhäusern, Ambulanzen und Kliniken in Afghanistan seit 2003, in Palästina seit 2009, in Ruanda seit 2007, im Kongo seit 2009 und in Mauretanien seit ebenfalls drei Jahren. Überall vollzieht sich das mit der Methode der Grünhelme: Nicht in der Hauptstadt hängenbleiben, sondern in die Dörfer weitergehen. Möglichst nicht in unseren Luxusappartements und Hotels, sondern in den baufälligen Lehmhäusern eines Dorfes den Menschen bei der Arbeit nah sein. Immer muss die Dorfgemeinschaft in vielerlei Weise mitarbeiten. Sie muss einmal einen Weg zur Baustelle fertig machen, damit die LKWs mit dem Baumaterial dorthin kommen können. Oder sie muss die Lehmziegel brennen, oder sie muss das Wasser für das Anrühren des Zements besorgen.


Findet dieses Engagement ausreichend Rückhalt in der Politik und in der Bevölkerung? Schließlich finanzieren Sie Ihre Projekte aus Spenden.

In der Bevölkerung seit 32 Jahren immer. Ich kann mich über meine Bevölkerung nie beklagen. Über die Politik und unsere Regierungen leider öfter. Aber auch in der Regierung, den Ministerien, auch in den Botschaften mache ich eher gute Erfahrungen. Ich erlebe eher Diplomaten und Politiker, die sich von dem Engagement, zu dem die deutsche Gesellschaft bereit ist, mitreißen lassen.
Sie engagieren sich vor allem dort, wo staatliche Entwicklungshilfe nicht greifen konnte.

 

Was können Sie bewirken, was die staatlichen Entwicklungshelfer nicht können?

Wir können in Gebiete vorstoßen, in die man mit Regierungsgeld nicht gehen, fahren oder fliegen darf. Manchmal muss man illegale oder halblegale Wege gehen, die der eigenen Regierung und Regierungsorganisationen verbaut sind.
Wir hätten die 11340 Menschen, Bootsflüchtlinge aus dem Süd-China-Meer mit staatlichen Mitteln nicht retten dürfen, weil Regierungen daran kein Interesse haben. In einer freien Gesellschaft kann man Unternehmungen beginnen, die manchmal die eigene Regierung ums Verrecken nicht will. Das ist das Schöne an einer freien Gesellschaft, in der zu leben und zu arbeiten wir das Glück haben.

 

Haben Sie Erfolge erzielt, die über die Linderung der direkten Not hinausgehen, etwa in der Frage der Menschenrechte?

Es ist gelungen, in unserer Gesellschaft sehr viel für die Anerkennung von Menschen aus Vietnam, aus Afghanistan und Afrika zu tun und ihre Gleichbehandlung zu verstärken. Die schönste Arbeit gelang uns in Herat in Afghanistan, wo in der Provinz etwa 150 000 Frauen ohne jede medizinische Versorgung lebten. Die Frage, wohin diese Frauen als Schwangere sich wenden können, wenn sie einen Kaiserschnitt bräuchten, wurde beantwortet mit dem klaren Hinweis: „Die müssen dann sterben!“ Wir haben dort in Qara Bagh eine Entbindungsklinik mit einer Solaranlage gebaut, wurden gewarnt, es würde keine Frau dorthin kommen, weil da die Männer mitkommen müssen. Die Frauen melden sich ununterbrochen, um hier ihre Entbindung und die Geburt ihrer Kinder vornehmen zu lassen.

Welchen Widerständen sehen Sie sich bei Ihren Einsätzen gegenüber?

Wenig Widerstand ist normal, Hindernisse auch, die sind dazu da, um der Menschen in Not willen überwunden zu werden. Es gibt eigentlich große Zustimmung und Dank in den Ländern. In dem neuen Staat Kosovo darf ich, wenn ich dort zu Besuch bin, nie mehr etwas in einem Restaurant bezahlen, so dankbar sind die Menschen für die 6 000 Häuser, die wir damals gebaut haben nach dem Krieg und den NATO-Luftangriffen 1999.


„Ich möchte nie mehr feige sein“, haben Sie einmal gesagt. Ist Ihnen das gelungen?

Mut ist etwas, was der humanitäre Arbeiter mehr haben sollte als der Tarifordnungs-Bürger. Aber er kann sich dessen nie sicher sein. Deshalb muss er das immer üben. Nicht verlangt ist Tollkühnheit. Ich würde einem Mitarbeiter nie erlauben, irgendwohin in ein riskantes Konfliktgebiet zu gehen, in dem ich selbst noch nicht gewesen bin.

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