Willow Creek und die schwäbische Seele

Koch meint…

Man lernt nie aus, und das auch und gerade als Kirche nicht. Weshalb es gut ist, dass dieser Tage in Stuttgart der Willow Creek-Leitungskongress stattgefunden hat. Weil es von Willow Creek, einer erfolgreichen Großgemeinde in der Nähe vom amerikanischen Chicago, tatsächlich viel zu lernen gibt. Was man hierzulande wohl genau so sieht. Wie anders wäre es sonst zu erklären, dass täglich über 7000 Menschen in die Schleyer-Halle beziehungsweise Porsche-Arena gepilgert und von dem Gebotenen durchaus beeindruckt gewesen sind.

Und ich, aber wohl nicht nur ich allein, zumindest an einem Punkt auch irritiert. Oder sollte ich Pastor Bill Hybels missverstanden haben? Jedenfalls hat der Leiter von Willow Creek den Christen in Deutschland die Leviten gelesen. Indem er seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck brachte, dass die Kirchen hierzulande nicht weiter seien als vor fünfzehn Jahren. Was laut Hybels vor allem auch daran liege, dass man im christlichen Umfeld Probleme nicht beim Namen nenne und sie stattdessen mit Begriffen wie „Liebe“ und „Gnade“ zudecke. Das Gegenteil aber sei notwendig: Wer als Mitarbeiter fortgesetzt schlechte Stimmung verbreite, zu wenig Leistung bringe oder von seiner Aufgabe dauerhaft überfordert sei, müsse in einer Gemeinde von seinem Posten entfernt werden.

Wobei Hybels mit dem allem ja nicht nur unrecht hat. Aber nach liebevollem Durchtragen auch der Schwachen klingt das nicht, eher nach Mr. Gnadenlos, in dessen Gemeinde ein Rädchen hochprofessionell in das andere greift und die Perfektion das Maß aller Dinge ist. So aber lässt sich Kirche nicht überall organisieren – weder hier noch in den USA. Ganz abgesehen davon, dass man das ja vielleicht auch gar nicht wollen sollte. So wenig wie zumindest ich es will, dass Christen hierzulande ihren Kopf abschalten, um anschließend mit einem Steinzeitglauben Einfluss auf die Politik zu nehmen, wie das derzeit im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf geschieht.

Aber wie gesagt: Vielleicht habe ich Bill Hybels ja auch nur missverstanden. Und mehr als eine Randnotiz, wenn auch eine viel beachtete, sind diese seine Äußerungen ohnehin nicht gewesen. Charmant auf jeden Fall die Replik vom württembergischen evangelischen Landesbischof Frank Otfried July. Der den Teilnehmern am Willow Creek-Leitungskongress ins Stammbuch geschrieben hat, dass bei Veränderungsvorschlägen aus den USA bedacht werden müsse, dass sich die schwäbische Seele von der nordamerikanischen unterscheide. Was ja nichts anderes als eine freundliche Umschreibung dafür ist: „Bruder Bill, lass uns Schwaben bittschön auch ein bisschen nach unsrer Façon selig werden!“

Wofür durchaus manches spricht. Jedenfalls können wir außer Hochdeutsch zwar nicht alles, aber Kirche schon, und das nicht erst seit gestern. Wobei Kirche für uns mehr ist als ein gut geführter Konzern. Und deshalb muss es darin, Bill Hybels zum Trotz, auch Platz für Schwächen und Schwache geben. Und für den diese Schwächen kompensierenden Heiligen Geist. Der uns gleichwohl nicht verbietet, unter anderem von Willow Creek zu lernen. Weil man lernt nie aus, und das auch und gerade als Kirche mit schwäbischer Seele nicht.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?


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