"Jeder ist vor Gott etwas wert"

Evangelische Landeskirche Württemberg

Jedes Jahr öffnet die Stuttgarter Leonhardskirche sieben Wochen lang für hilfsbedürftige Menschen ihre Tür. Seit dem 15. Januar ist sie wieder die Vesperkirche Stuttgarts. Landesbischof Frank Otfried July machte sich bei seinem Besuch nicht nur ein Bild von der Arbeit der bis zu 50 ehrenamtlichen Helfer, sondern zog auch selbst die Kochschürze an, um an der Essensausgabe zu helfen. July ist begeistert von der Aktion: "Die Vesperkirchen lösen das Problem der Armut nicht. Aber sie halten die Frage offen, wie unsere Gesellschaft mit den Armen umgeht", erklärte July. Da sehe man konkret, was Kirche bewegt.

Während dieser sieben Wochen ist der Innenraum der Kirche nicht wiederzuerkennen. Wo normalerweise Kirchenbänke aufgereiht sind, stehen nun Tische und Stühle bereit, um den Menschen einen Platz zum Essen zu bieten – pro Tag werden 600 – 800 Mahlzeiten zu einem günstigen Preis ausgegeben. Außer einem warmen Mittagessen wird auch kostenlos Tee und Kaffee angeboten.

Die Vesperkirche sieht ihre Aufgabe jedoch nicht nur im Verteilen von warmem Essen, sondern auch in anderen Lebensbereichen. Im vorderen Teil der Kirche stellen Friseure und Ärzte ihren Dienst zur Verfügung. Da Friseure montags Ruhetag haben, nehmen sich einige die Zeit, an ihrem freien Tag in der Leonhardskirche den Besuchern die Haare zu schneiden. Das Ärzteteam hilft den Menschen in einem Séparé den schlimmsten Entwicklungen von Krankheiten vorzubeugen. "Entheiligt wird die Kirche durch diese andere Nutzung nicht. Im Gegenteil: Sie wird noch heiliger, weil sie den Menschen einen Schutzraum bietet. Was kann es Besseres geben?", beurteilt July die Aktion.

Die Besucher der Vesperkirche kommen aus ganz verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. "Ob Langzeitarbeitslosigkeit oder ein persönlicher Schicksalsschlag der Grund ist, auf dieses Angebot angewiesen zu sein, spielt keine Rolle. Hier werden Menschen auf Augenhöhe betrachtet, egal aus welcher Schicht sie stammen", sagte der Landesbischof bei seinem Besuch. "Jeder ist vor Gott etwas wert", so July weiter.

Bis zum 3. März ist die Leonhardskirche noch ein "Zuhause auf Zeit" für Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen. 2012 ist die Leonhardskirche bereits zum achtzehnten Mal Gastgeber der Vesperkirche. Im Jahr 1995 wurde die Idee von dem inzwischen verstorbenen Diakoniepfarrer Martin Friz ins Leben gerufen. Mittlerweile leitet Diakoniepfarrerin Karin Ott die Veranstaltung. 

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