Peinlicher Protest

Koch meint…

Um es einmal ganz vorsichtig auszudrücken: Unser Bundespräsident agiert nicht gerade glücklich in diesen Tagen. Aber muss man deshalb gleich mit ausgezogenen Schuhen gegen Christian Wulff protestieren? Und: Dass Stuttgart 21 auch nach der Volksabstimmung die Gemüter bewegen würde, war klar. Zumal der neue baden-württembergische Ministerpräsident das umstrittene Bahnprojekt nun nicht mehr verhindern will. Nur: Rechtfertigt das den Versuch einiger Demonstranten, Winfried Kretschmann mit Schuhen zu bewerfen?

Nein, was da an zwei Samstagen hintereinander erst vor dem Schloss Bellevue in Berlin, dann vor dem Stuttgarter Neuen Schloss passiert ist, war in keiner Weise angemessen. Im Gegenteil: Hier wie da wurde der Protest überzogen und damit gleichzeitig der so genannte „Arabische Frühling“ vom vergangenen Jahr diskreditiert. Wo es um Freiheit und Demokratie sowie gleichzeitig um Leben und Tod gegangen ist. Und in Syrien immer noch geht. In Deutschland dagegen nicht. Da werden von den Regierenden zwar auch Fehler gemacht beziehungsweise nicht alle Erwartungen erfüllt. Aber von Diktatoren und Tyrannen wie Assad, Ben Ali, Gaddafi oder Mubarak trennen unsere Politiker Welten. Und dieser Unterschied sollte sich auch in den Formen des Protests niederschlagen. Alles andere ist geschmacklos, übertrieben und ohne jede moralische Rechtfertigung.

Zur Erinnerung: In muslimischen Ländern zählen das Zeigen und Werfen von Schuhen als Geste der Ablehnung, Verachtung und Verhöhnung. Unter anderem die Ägypter haben im Februar 2011 mit Massenprotesten und einem Meer von in die Luft gehaltenen Schuhen ein verhasstes Regime zu Fall gebracht. Wie zuvor die Menschen in Tunesien, danach in Libyen und jetzt, wenn auch noch vergeblich, eben in Syrien.

Womit eigentlich schon fast alles gesagt ist. Bis auf eins: Wenn es hierzulande Leute danach drängt, mit ausgezogenen Schuhen zu protestieren, gäbe es dafür durchaus gute Gelegenheiten. Zum Beispiel bei einer Solidaritätskundgebung für die Menschen in Syrien. Oder für solche, die gegen andere Unrechtsregime auf dieser Welt kämpfen und dabei ihr Leben riskieren. Und auch dagegen, dass nach wie vor jeden Tag Tausende von Menschen hungers sterben oder Christen verfolgt werden, könnte man die Schuhe ausziehen. Nur dass man davon leider so gut wie gar nichts hört. Vor Schloss Bellevue oder dem Stuttgarter Neuen Schloss Christian Wulff beziehungsweise Winfried Kretschmann die Schuhe entgegenzuhalten oder gar mit ihnen zu werfen, ist dagegen völlig daneben. Ob da einige vielleicht nur ein bisschen chic und hipp sein wollen? Womit sie sich aber selber ins Abseits stellen und ihr Anliegen gleich mit. Selbst wenn das in ihren eigenen Augen noch so berechtigt sein mag.

Und die Moral von der Geschichte? Die Schuhe sind am weitesten vom Kopf entfernt. Weshalb man, bevor man sie auszieht, in besonderer Weise den Verstand einschalten sollte. Weil der Protest sonst ziemlich peinlich wird.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?


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