Fortschritte in der Ökumene durch Perspektivenwechsel

Evangelische Landeskirche Württemberg

Grundsätzliche Übereinstimmungen zwischen der evangelischen und der katholischen Glaubenslehre hat eine internationale Forschergruppe der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen und der päpstlichen Lateran-Universität Rom gefunden: „Die Sicht beider Seiten auf die Realität von Sakrament und Wort Gottes ist grundsätzlich identisch.“ So fasst der Tübinger evangelische Theologieprofessor Eilert Herms die Ergebnisse der zweiten Runde des Forschungsprojekts „Themen der Fundamentaltheologie in ökumenischer Perspektive“ zusammen. Die auf deutsch und italienisch publizierten Erkenntnisse stellten Wissenschaftler aus Tübingen und Rom am Donnerstag, 15. Dezember im Theologicum der Öffentlichkeit vor.

 

Das Forschungsprojekt war im Jahr 2001 von Herms zusammen mit dem damaligen Präfekten der römischen Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, initiiert worden. Um Fortschritte im gegenseitigen kirchlichen Verstehen zu erreichen, habe man sich der Methode des Perspektivenwechsels bedient, erklärte der Prorektor der Lateranuniversität, Professor Patrick Valdrini: „Jedes Mitglied des Forschungsbereichs wurde gebeten, nicht nur die eigenen, sondern auch die Positionen und Traditionen der anderen Glaubensgemeinschaft zu untersuchen und vorzustellen. So hatten die evangelischen Theologen die Gelegenheit, vom Standpunkt der Katholiken aus zu denken und zu sprechen – und umgekehrt. Eine solche Methode ist ein wirklicher Weg der Vermittlung.“

Herms verwies auf das „methodische Innovationspotential“ des Forschungsprojekts: „Die Lehre beider Seiten wird verstanden als Bezeugung des Geschehens des geistgewirkten Evidentwerdens der Wahrheit des Evangeliums, das der Grund und Gegenstand des Glaubens ist. Folglich können und müssen auch alle Elemente der Wirklichkeit des Glaubens und der Glaubensgemeinschaft – Kirche, Sakramente, Wort, Amt, Autorität, Kirchenrecht – als in ihm begründet und von ihm umfasst verstanden werden.“ Die Wahrheit des Evangeliums als gemeinsame Wurzel könne beiden Seiten „zu einem vertieften und konkretisierten Selbstverständnis verhelfen, das dann auch für jede Seite Motive für eine vertiefte und erweiterte Praxis der Gemeinschaft sichtbar machen könnte.“

 

„Wir haben nur einen wissenschaftlichen Auftrag, keinen kirchlichen“, erklärte der Tübinger evangelische Theologieprofessor Christoph Schöbel: „Wir sind alleine der Wahrheitssuche verpflichtet.“ Umso mehr zeigte er sich erfreut über das Interesse der Kirchen an den Forschungsergebnissen. Der württembergische evangelische Landesbischof Frank Otfried July sagte in seinem Grußwort: „Wir spüren eine gefühlte Hilflosigkeit zwischen ortsnaher, alltäglich gelebter ökumenischer Geschwisterlichkeit und dem Graben mancher noch nicht geklärten Lehrfragen.“ Ein tieferes Verstehen zwischen den Konfessionen und Kirchen sei jedoch nur möglich, wenn man sich deren Strukturprinzipien vor Augen führe, so der Landesbischof: „Viele von uns – auch ich – wollen vorzeigbare Erfolge in der ökumenischen Landschaft.“ Auch als Vizepräsident des Lutherischen Weltbundes sehe er in dem Forschungsprojekt keine Konkurrenz, sondern eine „hilfreiche Ergänzung“ zu anderen ökumenischen Gesprächsprozessen.

 

Die 2008 vollendete erste Projektphase beschäftigte sich mit den Themen Offenbarung, Wahrheit, Glauben, Anthropologie (der Lehre vom Menschen) und Kirche. Die jetzt abgeschlossene zweite Phase hatte das Thema „Sakrament und Wort im Grund und Gegenstand des Glaubens“. Bis 2013 sollen die Ergebnisse der dritten Phase vorliegen zu den Themen Taufe, Abendmahl und Buße. Für die evangelische Seite arbeiten in der Forschungsgruppe die Professoren Eilert Herms und Christoph Schwöbel (beide Tübingen) sowie Wilfried Härle (Heidelberg) mit, für die katholische Seite die Professoren Giuseppe Lorizio, Antonio Sabetta, Lubomir Zak und Massimo Serretti (alle Rom).

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