Hüter des "schönsten Gebäudes der Stadt"

Evangelische Landeskirche Württemberg

"Wir arbeiten im schönsten Gebäude der Stadt", schwärmen Dagmar und Klaus Petra von ihrem Arbeitsplatz. Das Ehepaar aus Siebenbürgen versieht seit elf Jahren die Mesner- und Hausmeisterdienste in der Esslinger Stadtkirche St. Dionys und im benachbarten Gemeindehaus "Laterne". Mit der Advents- und Weihnachtszeit stehen ihnen nun wieder die anstrengendsten Wochen des Jahres bevor.

 Die Entscheidung, von Rumänien nach Deutschland überzusiedeln, fiel innerhalb weniger Wochen: Als sie von der freiwerdenden Mesnerstelle an der Esslinger Stadtkirche hörten, entschieden sich Klaus (51) und Dagmar (48) Petra, mit ihren Zwillingssöhnen und Dagmar Petras Vater den Sprung in den Westen zu wagen. Immer mehr Deutschstämmige waren aus ihrem Heimatdorf Benzens weggezogen. "Am Ende waren wir nur noch 27", erzählt Klaus Petra.

Verbindungen zu Deutschland hatte die Familie viele, auch über Klaus Petras Arbeit als Wirtschafter für elf evangelische Kirchen. Er hat sich um die Verwaltung gekümmert und auch angepackt, wenn handwerkliche Arbeiten anstanden. Zudem war er Kirchengemeinderat. "Die Kirche schuf den Zusammenhalt unter uns", erzählt er. Im Juni 2000 kam die Familie in Deutschland an, am 1. August begannen sie ihre Arbeit im Dienst der evangelischen Kirche in Esslingen.

In Deutschland Fuß zu fassen, fiel Klaus und Dagmar Petra nicht schwer, waren doch beide zweisprachig aufgewachsen. "Zuhause haben wir Deutsch gesprochen", erzählt Dagmar Petra. "Wir wollten nicht total romanisiert werden", nennt Klaus Petra ein wichtiges Argument für die Emigration. Denn mehr und mehr hätten sie in Rumänien ihre deutschen Traditionen aufgeben müssen.

Fürsorge für das Kirchengebäude

Das Wort Mesner kommt vom lateinischen "mansionarius" und heißt "Hüter des Hauses". Und genau so verstehen Klaus und Dagmar Petra ihre Aufgabe – "die Fürsorge für das Kirchengebäude wie für das eigene Haus". Bei einer so großen frühgotischen  Kirche wie St. Dionys mit 1200 Sitzplätzen gehört dazu eine Menge: Nicht nur das Gebäude – vom Ausgrabungsmuseum im Untergeschoss bis hinauf in die beiden Türme – ist zu reinigen und instand zu halten. Das Geläut muss richtig programmiert werden. Bei Hochzeiten oder Trauerfeiern müssen mit Floristen Termine abgesprochen und auswärtige Pfarrer mit der Kirche vertraut gemacht werden. Stehen Konzerte an, werden die Musiker eingewiesen. Zuweilen schaut Klaus Petra auch nachts nach dem Rechten, wenn lärmende Jugendliche sich bei der Kirche treffen oder um zu prüfen, ob die Heizung richtig funktioniert.

 

Ab 6 Uhr den Gottesdienst vorbereiten

Um sechs Uhr am Sonntagsmorgen sind die beiden auf den Beinen, um alles für den Gottesdienst um 10.30 Uhr vorzubereiten: Liedtafeln müssen bestückt, der Blumenschmuck arrangiert, Heizung und Technik überprüft und um die Kirche der Müll entfernt oder im Winter der Schnee gekehrt werden. Lädt die Stadt- und Frauenkirchengemeinde nach dem Gottesdienst zum Kirchentee, gilt es Tische und Geschirr bereitzustellen. Gottesdienstbesucher bekommen ein Gesangbuch gereicht und für kleine Kinder hält Dagmar Petra kleine Büchlein bereit. Nach dem Gottesdienst müssen Gesangbücher, Liedblätter und allerhand Vergessenes eingesammelt und die Kirche gereinigt werden. Alle Gottesdienste schneidet Klaus Petra zudem mit und brennt sie auf CD für Menschen, die nicht am Gottesdienst teilnehmen konnten.

Außerdem bietet Klaus Petra Kirchenführungen an. Manchmal spielt der begeisterte Musiker, der auch im Siebenbürger-Blasmusik-Verein "Karpaten-Express" engagiert ist, auf seiner Trompete gemeinsam mit Organist Uwe Schüssler im Gottesdienst.


Mut machen und Hilfen aufzeigen

Doch auch unter der Woche sind die Mesner gefragt. Da die Kirche tagsüber geöffnet ist, kommen Besucher mit ihren Fragen und zuweilen auch mit ihren Nöten. "Ich schaue mir die Menschen an. Dann merke ich schnell, ob jemand Hilfe braucht oder seine Ruhe haben möchte", sagt Klaus Petra. Sind Menschen in Not, heißt es sensibel zu sein, zuhören zu können, Mut zu machen und wenn nötig an Stellen weiter zu vermitteln, die Hilfe geben können. Da braucht es viel Fingerspitzengefühl.

 

Alle sollen willkommen sein

Häufig klingeln Hilfesuchende im Mesnerhaus gegenüber der Stadtkirche. Auch mit schwierigen Kirchenbesuchern müssen die Mesner umgehen können. Dagmar und Klaus Petra ist es vor allem wichtig, dass sich in „ihrer“ Kirche alle Menschen willkommen fühlen. Denn gerade die Vielfalt der Aufgaben und die Arbeit mit Menschen fasziniert sie an ihrem Beruf. "Es kommt viel zurück, wenn die Menschen zufrieden sind", sagt Klaus Petra.

In Esslingen eine Heimat gefunden

Alle sechs Wochen ein freies Wochenende und eine freien Tag in der Woche, das macht es schwer, Kontakte zu pflegen. Denn immer, wenn Freunde oder Familienangehörige frei haben, müssen die Petras ran. Besonders anstrengend ist die Advents- und Weihnachtszeit mit täglichen Andachten, großen Konzerten und vielen Gottesdiensten mit bis zu 2.000 Menschen oft kurz hintereinander an den Weihnachtstagen. Da bleibt wenig Zeit für ein gemütliches Weihnachtsfest in der Familie. "Einmal ganz normal Weihnachten zu feiern, das wäre toll", gibt Dagmar Petra zu. Und doch sind die beiden glücklich: "Hier in Esslingen haben wir eine Heimat gefunden."

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