Warum gibt es soviel Unrecht?

Evangelische Landeskirche Württemberg

Der vorletzte Sonntag des Kirchenjahrs ist als Volkstrauertag dem Gedenken an die Opfer von Krieg, Terror und Gewalt gewidmet. Damit rückt eine unvorstellbare Blutspur in unser Bewusstsein. Kein Mensch ist in der Lage, sich das Leid vorzustellen, das verursacht wird, weil Menschen Menschen Gewalt antun. Bei meinen Gesprächen mit PatientInnen in der Klinik werde ich immer wieder darauf angesprochen: "Warum gibt es so viel Unrecht? Warum tun Menschen so etwas?"

Darauf habe ich auch keine schlüssige Antwort. Und ich weigere mich, überhaupt die Ungeheuerlichkeit menschlicher Gewalttaten in ein gedankliches System bringen zu wollen. Sie sind schlicht ein Skandal. Aber sie gehören zur Geschichte der Menschheit hinzu. Prof. Michael Günther von der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie hat sich als Gutachter jugendlicher Gewalttäter ausführlich mit diesem Thema beschäftigt. Er sagt, offensichtlich gehörten zwei grundlegende Themen zur menschlichen Geschichte: Sexualität und Gewalt.
Dennoch sind weder Krieg noch Gewalt ein Naturgesetz. Jedenfalls nicht nach biblischem Verständnis. Denn wir glauben, dass Gott die Erde gut geschaffen hat. Die Gewalt kommt erst, als der Mensch aus der naiven Einheit mit Gott und Schöpfung herausging. Sie kann deshalb überwunden werden, indem der Mensch heimkehrt zu Gott. Die Propheten der Bibel zeichnen wunderbare Bilder, wie das sein wird. Da werden Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet (Jes. 2), Menschen leben friedlich unter ihren Feigenbäumen und bei ihren Weinstöcken (Mi. 4) und selbst Wölfe und Lämmer, Kühe und Bären grasen einträchtig auf derselben Weide (Jes. 11). Auf diese Zukunft gehen wir zu. Ihr sollen wir nach dem Willen Jesu schon heute entsprechen. Deshalb fordert uns die Jahreslosung auf: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem."

In diesem Jahr ging die Dekade "Gewalt überwinden" mit der Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation in Kingston/Jamaika zu Ende. In ihrer Botschaft heißt es: „Die Geschichte führt uns (…) vor Augen, dass Gewalt gegen den Willen Gottes ist und keine Konflikte lösen kann. Aus diesem Grund gehen wir über die Lehre vom gerechten Krieg hinaus und bekennen uns zum gerechten Frieden." … "Wir treten für vollständige nukleare Abrüstung und die Kontrolle der Weiterverbreitung von Kleinwaffen ein."

Viele Waffen kommen aus Deutschland. Unser Land ist inzwischen zum drittgrößten Waffenexporteur aufgestiegen. Auf dem Gebiet der Württembergischen Landeskirche finden sich zahlreiche Rüstungsfirmen wie EADS, Daimler oder Heckler & Koch. Ihre Kirchensteuern sind Teil des landeskirchlichen Haushalts. Es ist nur folgerichtig, dass der Oberkirchenrat eine Initiative gestartet hat mit dem Ziel, die Rüstungsproduktion zu überwinden und durch die Produktion ziviler Güter zu ersetzen. Ich wünsche dieser Initiative allen Erfolg. Er wäre ein Schritt dazu, dass die prophetischen Visionen wahr werden.

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