Vielen Menschen fehlt das Geld zum Leben

Evangelische Landeskirche Württemberg

Die Überschuldung von Privatpersonen sei im Jahr 2010 gestiegen, sagt Dr. Dr. Gunter E. Zimmermann, Gutachter vom Büro für Sozioökonomie in Karlsruhe in einer Studie, die er für das Diakonische Werk in Württemberg (DWW) angefertigt hat. Von den 610.000 Menschen die mit Zahlungsschwierigkeiten zu kämpfen haben, sind 310.000 absolut überschuldet. Das sind 3,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Ausgehend von den bundesweit 6,41 Millionen verschuldeten Bürgern sind das 9,5 Prozent, berichtete die Stuttgarter Zeitung am 4. November 2011. Aus diesem Artikel geht auch hervor, dass Stuttgart eine der Kommunen mit dem höchsten Anstieg der Überschuldung ihrer Einwohner sei.
Die Diakonie fordert daher zum wiederholten Mal, dass die statistische Erfassung von Überschuldung in Baden-Württemberg Teil der Sozialberichterstattung des Landes wird.

Wie schnell ein Mensch in diese Situation geraten kann, zeigt das Beispiel von Katharina S. (Name von der Redaktion geändert). Ihr Mann war viele Jahre bei einer Firma angestellt und wurde plötzlich arbeitslos. Daraufhin hatte er sich selbstständig gemacht und Schulden angesammelt. Von denen wusste Katharina S. nichts. Als die Krankenkasse sie brieflich dazu aufforderte 3.000 Euro zu bezahlen, fiel sie aus allen Wolken.

Aber auch der "Otto Normalverbraucher" hat immer weniger Geld in der Tasche: Zimmermanns Untersuchung zeigt, dass der wirtschaftliche Aufschwung bei den Verbrauchern in Baden-Württemberg nicht angekommen ist. Zwar stieg das Bruttoinlandprodukt um 3,6 Prozent und die Zahl der Unternehmensinsolvenzen sank um 12,6 Prozent, dennoch sind die realen Nettolöhne der Verbraucher kaum gestiegen.

„Diese wenigen Zahlen verdeutlichen, dass das Thema Überschuldung in Baden-Württemberg bei der Politik noch nicht angekommen ist“, sagt Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des DWW. Vor 28 Jahren hat die Diakonie mit der Schuldnerberatung angefangen. Überschuldung sei ein langfristiger Prozess. Dies betreffe sowohl der Weg in die Verschuldung als auch der Weg aus ihr heraus.

„Schulden haben Gesundheitsprobleme zur Folge, bedrohen den Arbeitsplatz der Betroffenen und führen dazu, dass Menschen in langfristiger, wenn nicht dauerhafter Armut leben müssen“, führt der Oberkirchenrat an. In der Diakonie gibt es derzeit 37 Vollzeitstellen für Schuldnerberater. Das bedeutet, dass von den 310.000 absolut überschuldeten Personen nur rund 16.500 beraten werden können. Überschuldung sei ein Problembereich, der mehr politische Aufmerksamkeit brauche, so Kaufmann. Abgesehen von der spezialisierten Schuldnerberatung sei die Überschuldung auch ein Thema in den unterschiedlichen Beratungsdiensten: von der Lebens- bis zur Suchtberatung, in der Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe.

„Schulden bedeuten Stress. Jemand mit Schulden kann nicht gut leben“, erzählt die ehemals Betroffene Katharina S. Hilfe bekam sie damals von Gaby Fiek, Mitarbeiterin der zentralen Schuldnerberatungsstelle in Stuttgart. „Die Menschen kommen zu uns und wir hören uns ihre Geschichte an. Es geht um den Einzelnen, nicht nur um die Zahlen. Wir helfen jedem, auch wenn es meistens etwas länger dauert“, ermutigt sie die Betroffenen.

Bereits im vergangenen Jahr hat das Diakonische Werk Württemberg e.V. (DWW) auf eigene Kosten eine Expertise in Auftrag gegeben. Ziel der Diakonie war es, auf die Überschuldungssituation in Baden-Württemberg aufmerksam zu machen. Mit der in diesem Jahr von Zimmermann angefertigten zweiten Expertise hofft die Diakonie nun, von der neuen Landesregierung gehört zu werden.

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