Zwischen gestern und morgen

Evangelische Landeskirche Württemberg

Samstagnachmittag. Der sperrige Baumarkteinkaufswagen lässt sich nur widerwillig zwischen den trägen Besuchermassen hindurchlenken. Mein Ziel ist klar: Lampenabteilung, Rasterleuchte, Tageslichtröhre.Der Einkaufswagen bekommt Schlagseite. Mein Sohn hat ein anderes Ziel. Wühltisch. Der Sommer wird zum Ausverkauf angeboten: Wasserpistolen, das Mega-Size-Modell. Schreiende Farben. Zwei Liter Fassungsvermögen. Ich will weiter. Da tritt der Baumarktmitarbeiter vor mir einen Schritt zur Seite und gibt den Blick auf ein Regal frei: Christbaumkugeln, matt und Hochglanz. Rot, champagner, lila, silber, gold. Christbaumständer, zum Schrauben und Spannen. Jetzt möchte ich doch bei den Wasserpistolen bleiben. Etwas in mir macht flupp. Das Gefühl für Zeit kommt mir abhanden. Etwas reißt an mir. Zieht mich in die Zukunft, zerrt mich zurück in die Vergangenheit. Ich fühle mich wie in Watte gepackt, ohne Chance, jetzt, in diesem Moment, mit irgendetwas Kontakt aufzunehmen. Dann ist das seltsame Gefühl wieder vorbei. Aber beim Rückweg, an der Kasse, verhöhnen mich an diesem Septembersamstag wortlos Spekulatius und Dominosteine.
Vor dem Baumarkt ist es schwülheiß. Bald fallen die ersten Regentropfen, der Wind rupft das Laub von den Bäumen, Kastanien springen von den Ästen und bleiben nicht liegen, weil kleine Hände sie hurtig in ausgebeulte Hosentaschen stopfen. Daneben liegen achtlos die kleinen grünbraunen igeligen Häuschen. In unserem Häuschen wird die Lampe angeschraubt, höchste Zeit, die Tage werden langsam kürzer. Langsam. Noch ist September, zum Glück. Alles hat seine Zeit. Wasserpistolen, Kastanien, Weihnachtskugeln. Niemand zerrt an mir. Ich bin, wo ich bin. Und im Advent, bin ich dann im Advent.  Die Zeit vergeht schnell genug. Ich glaub, ich kann’s erwarten.
Silke Stürmer
 

Zur Quelle

Schreibe einen Kommentar