"Loyalität und Verschwiegenheit sind das Wichtigste"

Evangelische Landeskirche Württemberg

 

Fast drei Jahrzehnte war Heidi Lindner im kirchlichen Dienst, arbeitete in der Kirchenpflege und als Pfarramtssekretärin. Die letzten zehn Jahre war sie Geschäftsführerin des Evangelischen Dekanatamts in Esslingen. Nun geht die 63-Jährige in den Ruhestand. 

"Die letzten zehn Jahre meines Arbeitslebens waren die schönsten", sagt Heidi Lindner rückblickend. Die Vielfalt der Aufgaben und die Einblicke in die Kirchenpolitik hat sie an der Stelle als Dekanatsgeschäftsführerin fasziniert. "Es ist einfach spannend, zu sehen, wie sich Kirche entwickelt", erklärt sie. Auch wenn sie als Nichttheologin manchmal eine andere Sicht der Dinge gehabt habe. "Man kann Ideen einbringen, aber keine Entscheidungen fällen, das muss man akzeptieren."

Wie viele Pfarramtssekretärinnen brachte auch Heidi Lindner Erfahrungen aus anderen Berufen mit. Im Verwaltungsdienst arbeitete sie im Rathaus von Calw-Stammheim, bevor sie Floristin lernte und 22 Jahre lang selbständig war. "Irgendwann füllte mich das nicht mehr aus, ich wollte zurück in die Verwaltung", erzählt sie, wie sie sich um eine Stelle bei der Kirchenpflege in Calw bewarb und prompt genommen wurde. Weil sie auch ein Pfarramt mit betreuen sollte, absolvierte sie den Grundkurs für Pfarramtssekretärinnen der Evangelischen Landeskirche. Ihr Eintritt in den kirchlichen Dienst 1983 habe auch ihren Sohn und ihre Tochter der Kirche nähergebracht. Sie selbst war später Kirchengemeinderätin an ihrem damaligen Wohnort in Eschenbach.

Landeskirchlichen Pfarrämtern folgt Dekanatamt

 

Nach der Trennung von ihrem ersten Mann suchte Heidi Lindner eine volle Stelle und wurde 1990 Sekretärin im landeskirchlichen Pfarramt für Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistende, später im Landesjugendpfarramt und an der Evangelischen Akademie Bad Boll. 2001 schließlich kam sie ins Dekanatamt Esslingen, zu ihrem früheren Chef, Landesjugendpfarrer Dieter Kaufmann, der inzwischen zum Dekan des Evangelischen Kirchenbezirks Esslingen gewählt worden war. Zuletzt war dort Bernd Weißenborn ihr Chef.

Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis

 

Fragt man Heidi Lindner, was die Arbeit als Sekretärin im Pfarramt wie im Dekanat so faszinierend macht, nennt sie spontan die Vielfalt der Aufgaben und den Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen. Der verlangt oft Fingerspitzengefühl und gute Menschenkenntnis: "Die Pfarramtssekretärinnen sind die erste Anlaufstelle, wenn etwas nicht in Ordnung ist, sei es, dass es um den Pfarrer geht oder die Predigt nicht gefallen hat. Zu uns kommen die Leute mit dem, was sie sich dem Pfarrer nicht zu sagen trauen."

 

Kummerkasten und Dienstleisterin

 

Nicht selten ist die Sekretärin Kummerkasten und Auskunftstelle. Sie muss etwa wissen, wo Menschen bei Problemen Hilfe finden. Eine Ausbildung in der Telefonseelsorge, in der sie von 1991 bis 1998 ehrenamtlich arbeitete, kam Heidi Lindner dabei zu Gute. "Man muss genau zuhören können, jeden Menschen in seinem Anliegen ernst nehmen, sich aber auch abgrenzen." Selbst bei aufgebrachten Anrufern ruhig und freundlich zu bleiben, sei wichtig. Diplomatisches Geschick war auch gefragt, wenn erboste Anrufer drohten, aus der Kirche auszutreten. "Wir sind ein Dienstleistungsunternehmen", erklärt sie ihre Haltung.

Dass die Pfarramtssekretärinnen im Normalfall Einzelkämpferinnen mit einem geringen Stundenbudget sind, sieht sie als Problem. "Da darf wie auch bei Mesnern und Hausmeistern nicht noch mehr gekürzt werden."

Die Chemie muss stimmen

 

Im Dekanatamt sind es häufig die Pfarrerinnen und Pfarrer des Kirchenbezirks, die ihre Anliegen bei Heidi Lindner vorbringen. Dann muss sie beim Dekan deren "Sprachrohr" sein. Loyalität und Verschwiegenheit nennt sie als wichtigste Eigenschaften ihrer Position, in der sie viele vertrauliche Dinge zu Gesicht bekommt. Dabei ist auch wichtig, dass die Chemie zwischen Chef und Sekretärin stimmt. "Ich muss hinter meinem Chef stehen, er aber auch hinter mir." Damit die Zusammenarbeit funktioniere, legt sie Wert auf Ausgewogenheit zwischen Nähe und Distanz. Ihr Rezept: "Immer beim ‚Sie‘ bleiben, egal wie gut man sich versteht."

Stärker als im Pfarrbüro ist Heidi Lindner im Dekanat als Managerin gefragt. Dazu gehört auch, die Termine für den Dekan zu planen und ihm den Rücken freizuhalten, und dafür zu sorgen, dass die Informationen der Kirchenleitung bei allen Pfarrämtern ankommen. Studientage oder Pfarrkonvente vorzubereiten, habe ihr stets viel Freude gemacht. Zu managen und zu organisieren werde ihr deshalb neben den Kontakten zu Kolleginnen und Pfarrern besonders fehlen.

 

Ungerechtigkeit bringt sie auf die Palme

 

Gelassenheit habe sie im Laufe ihres Berufslebens gelernt, sagt sie. Auf die Palme bringt sie allerdings immer noch, "wenn Menschen ungerecht miteinander umgehen. Dann kann ich nicht still sein."

Nun freut sich Heidi Lindner darauf, mehr Zeit mit ihren Kindern, den vier Enkelkindern und ihrem heutigen Ehemann zu verbringen, sich ihrem Garten in Oberesslingen zu widmen und mehr Sport zu treiben. "Außerdem will ich ehrenamtlich arbeiten", sagt sie.

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