Die Erfindung des Herrn von Goethe

Koch meint…

Johann Wolfgang von Goethe hat, wenn man so will, vieles erfunden – zum Beispiel die Dramen „Götz von Berlichingen“ und „Faust“, den Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ oder Gedichte beziehungsweise Balladen wie den „Erlkönig“. Und wenn es nach Martin Walser, einem Schreibgewandten der Gegenwart, geht, ist auch das eine Erfindung von Goethe: die Romanze des in die Jahre gekommenen Dichterfürsten mit einer 19-Jährigen, dargestellt in „Ein liebender Mann“. Ein Walser-Werk, das sich übrigens durchaus auch als Urlaubslektüre eignet. Aber keinesfalls zum Diskutieren mit Freundin oder Ehefrau. Weil das weibliche Geschlecht im Blick auf diese Altersliebe erfahrungsgemäß allergisch reagiert und Goethe schlicht unmöglich findet. Wir Männer sind da – warum wohl auch? – gnädiger. Streit wäre also vorprogrammiert.

Apropos Urlaub: Auch das, sagt man, sei etwas, was auf Johann Wolfgang von Goethe zurückgeht. Anders ausgedrückt: Am 3. September 1786 ist Goethe zu keinem andern Zweck nach Italien aufgebrochen, als sich von den Anstrengungen seines Ministeramts zu erholen und Kraft für die Arbeit an seinem literarischen Werk zu schöpfen. Damit aber erhielt Reisen einen neuen Sinn. Über viele Jahrhunderte, ja Jahrtausende hinweg war nämlich das In-die-Fremde-Gehen nichts, was ein vernünftiger Mensch freiwillig auf sich genommen hätte. Nur die Mächtigen, Abenteurer, zwielichtiges Volk, Krämer und Soldaten zogen in der Welt herum, um so ihr Glück zu machen. Glücklich dagegen der, der nicht durch Hunger oder Flucht oder durch einen Großen der Geschichte gezwungen wurde, ihn bei seinen Entdeckungs- oder Eroberungsreisen zu begleiten. Nein, wer es zu etwas gebracht hatte und etwas auf sich hielt in der guten alten Zeit, blieb im Lande, ernährte sich redlich und stillte sein Fernweh höchstens durch die Lektüre von Reiseberichten wagemutiger Einzelgänger.

Mit Goethe nun erhielt Reisen, wie gesagt, einen neuen Sinn: Es diente der Erholung, dem Vergnügen, der Bildung auch und wurde so – erst für einige wenige und dann für immer mehr – zum Urlaub, ohne den die meisten von uns gar nicht mehr auskommen können. Vom Reisen als dem „Opium der Postmoderne“ sprechen denn auch die Psychologen, und Johann Wolfgang von Goethe war sein erster Protagonist und mithin der erste Tourist im heutigen Sinn.

Was zusammengenommen nun einen ziemlich langen Anlauf ergibt für das, was Koch heute eigentlich kurz und bündig meint, nämlich dass es jetzt auch für ihn Zeit ist, in den Urlaub zu gehen. Wobei in meinen Reisekoffer weder Goethe noch Walser kommen, sondern wie immer eine Politikerbiographie, ein Allgäu-Krimi namens „Raunacht“ und die Bibel. Deren letztes Buch zu lesen mich eine Kollegin verdonnert hat. Und sie hat Recht: Dass ein Pfarrer lebenslang einen Bogen um die Offenbarung des Johannes macht, geht ja nun wirklich nicht.

Ich bin dann also mal weg. Und Sie hoffentlich irgendwann auch. Danach aber sehen, nein, lesen wir uns wieder. Oder auch hier anders und mit einem „Gebet aus der Fremde“ so ausgedrückt: „Gott, der du mich hierher geführt hast, sei gnädig und bringe mich auch wieder zurück! Lass mich wiedersehen den heimatlichen Ort, an dem mein Herz so hängt!“ (Sinuh von Ägypten)

Einen schönen Urlaub – den, wie man sagt, Johann Wolfgang von Goethe erfunden hat!

Das meint Koch. Und was meinen Sie?


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