„Ich will Menschen überraschen, wie Kirche sein kann“

Evangelische Landeskirche Württemberg

Stuttgart/Karlsruhe. „Sobald ich irgendwie in der Erde wühle, kann ich wunderbar abschalten. Ich arbeite total gerne im Garten!“ Volker Steinbrecher ist auf den ersten Blick ein eher ruhiger Typ, eben ein echtes Nordlicht. 1963 im schleswig-holsteinischen Dellstedt geboren, träumt er als kleiner Junge davon, einmal die Vogelwarte auf Helgoland zu leiten. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: Volker Steinbrecher wird evangelischer Pfarrer und lebt mittlerweile mitten im Schwabenland. Seit Anfang August vertritt er die beiden evangelischen Landeskirchen in Baden-Württemberg bei Landtag und Landesregierung. Steinbrecher folgt damit dem 2010 überraschend verstorbenen Wolfgang Weber nach.

„Ich bin ein zuhörender und neugieriger Mensch, einer, der gerne neue Leute kennen lernt“, sagt Volker Steinbrecher. „Ich glaube, dass das auch eine ganz gute Voraussetzung für meine neue Tätigkeit ist.“
Er ist ab sofort zuständig für den guten Draht zwischen Politik und Kirche: „Ich habe richtig Lust drauf, die kirchlichen Stimmen in den politischen Diskurs mit einzubringen“. Er wird an den Landtagssitzungen teilnehmen und engen Kontakt zu Fraktionen und Landesregierung halten. Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird den neuen Kirchenbeauftragten bald näher kennen lernen. Die beiden haben sich schon zum Kaffeetrinken verabredet.

Privat ist Pfarrer Volker Steinbrecher ein Familienmensch. Und auch der Sport spielt im Leben des verheirateten Vaters von drei Söhnen eine große Rolle: Früher hat er Fußball und Tischtennis gespielt, heute Volleyball. Außerdem fährt er in seiner Freizeit gerne Fahrrad oder Inliner.

Die Familie wohnt in Bad Boll (Kreis Göppingen) – nur zwei Minuten von Steinbrechers bisherigem Arbeitsplatz entfernt: der Evangelischen Akademie Bad Boll. Bei der kirchlichen Bildungseinrichtung ist der 47-Jährige zehn Jahre lang als Studienleiter und Sportbeauftragter der württembergischen Landeskirche tätig. Als Sportbeauftragter kümmert er sich zum Beispiel um Andachten und Gottesdienste bei Sportveranstaltungen, die Kommunikation zwischen Sportvereinen und Kirchengemeinden, sowie um sportethische und pädagogische Fragen. Diese Aufgaben wird Volker Steinbrecher erst einmal weiter führen, bis ein Nachfolger gefunden ist. Sein Dienstort heißt in Zukunft aber Stuttgart. „Doch ich bleibe an dieser Schnittstelle Kirche und Gesellschaft.“ Deshalb fällt ihm der Abschied von der Evangelischen Akademie auch nicht so schwer.

Bereits in jungen Jahren musste er sich mit dem Abschiednehmen auseinandersetzen. Ein familiärer Abschied trägt dazu bei, dass Volker Steinbrecher Pfarrer wird. Während seiner Bundeswehrzeit erkrankt sein Vater schwer und stirbt. „Auch dieses Erlebnis hat damals dazu geführt, dass ich mich für Theologie interessiert habe“, erzählt Steinbrecher. Außerdem seien negative Erfahrungen bei der Bundeswehr und positive Erfahrungen während eines Diakonie-Praktikums ausschlaggebend gewesen, Theologie zu studieren. Während des Studiums in Hamburg läuft ihm seine jetzige Ehefrau über den Weg – eine waschechte Schwäbin. So verschlägt es Steinbrecher in den Süden der Republik. Er arbeitet als Gemeindepfarrer in Weil der Stadt und Heilbronn, bis er 2001 zur Evangelischen Akademie nach Bad Boll wechselt.
 
Die Vorfreude auf sein neues Amt als Beauftragter der beiden evangelischen Landeskirchen in Baden-Württemberg bei Landtag und Landesregierung ist „riesig“, wie er sagt. „Da bin ich Brückenbauer zwischen Kirche und Politik, eine spannende Herausforderung“, so Pfarrer Steinbrecher.
Als Beauftragter soll er zum einen Kontakte herstellen zwischen Politikern und Kirchenvertretern, zum anderen die kirchlichen und diakonischen Positionen zu gesellschaftsrelevanten Themen in die Politik tragen. Aktuell zum Beispiel in Sachen Bildung: „Hier haben die Landeskirchen ein großes Interesse, dass auch in Zukunft religiöse und ethische Inhalte im Bildungsplan verankert sind. Gerade beim Thema Bildung werden die Kirchen auch gerne von der Politik gehört“, weiß Steinbrecher zu berichten. Er glaubt, dass die Kirchen auf vielen Gebieten ein wichtiger Partner für die Politik sein können, etwa wenn es um soziale Fragen geht. Dabei möchte er Türen öffnen und nicht zuschlagen: „Ich habe vor, Menschen zu überraschen und zu verblüffen, wie Kirche sein kann“.

Mit einem Gottesdienst am 12. Oktober wird Pfarrer Volker Steinbrecher offiziell in sein Amt eingesetzt. Ministerpräsident Kretschmann hat sein Kommen schon zugesagt. Steinbrecher möchte in seinem neuen Job eine moderne und weltoffene Kirche repräsentieren und dabei gerne auch persönliche Duftmarken setzen. Er wünscht sich, „dass am Ende der Legislaturperiode die Mitglieder des Landtags und der Landesregierung die Kirchen als interessanten Gesprächspartner erlebt haben und den Steinbrecher als zuhörenden, weltoffenen Christen, der selbstbewusst kirchliche Interessen vertreten kann!“

Und wenn Volker Steinbrecher hin und wieder mal etwas Abstand von der Stuttgarter Landespolitik braucht: Im heimischen Garten in Bad Boll wartet ganz viel Erde, die gerne durchwühlt werden will.

Matthias Huttner
 

Zur Quelle

Schreibe einen Kommentar