Nur noch Bahnhof

Koch meint…

Stuttgart 21, eine unendliche und immer verworrenere Geschichte. Runter gehen oder oben bleiben und jetzt plötzlich beides: ein Tief- und ein Hochbahnhof! Sagt Heiner Geißler, der Schlichter. Schlichtere Gemüter wie ich aber sagen: Es reicht! Weil sie nur noch Bahnhof verstehen. Weil sie der Meinung sind, dass es wichtigere Themen gibt. Und weil sie machtlos zusehen müssen, wie da ein Glaubenskrieg tobt um nicht weniger, aber auch nicht mehr als ein Infrastrukturprojekt. Was manche, ich weiß, so nicht gerne hören. Ich wiederhole es trotzdem noch einmal. Und ja: Es reicht – zumindest mir!

Dabei bin ich in hohem Maße bahnaffin und immer schon gewesen. Beweis gefällig? Dann müsste an dieser Stelle jetzt ein Foto kommen: ein kleiner Junge vor einer großen Dampflokomotive. Später bin ich mit diesem „Urächerle“ von Metzingen nach Bad Urach gefahren – am liebsten zum alljährlichen Skispringen in noch schneereichen Wintern. Selber Ski gelaufen ist man dagegen am Lichtenstein. Metzingen, Reutlingen, Pfullingen, Honau. Dort kam an den Zug eine Schublok mit Zahnradantrieb dran. Der Anstieg auf die Alb war steil. Heute ist die Honauer Steige ein Wanderweg.

Zug um Zug ist’s auch weiter durchs Leben gegangen. Ein Jahr Metzingen, Stuttgart und zurück ins Sprachenkolleg. Dann in die andere Richtung – nach Tübingen zum Studieren. Zu diesem und anderen Zwecken bin ich auch in den USA und hin und wieder mit dem „Empire Builder“ von Chicago nach Minneapolis/St. Paul unterwegs gewesen. Und ruckelnd und zuckelnd nach New York. Jahre danach mit dem Zug quer durch Kanada oder quer durch Deutschland zu irgendeinem Kirchentag. Und seit zwei Jahrzehnten gefühlte dreihundert Mal im Jahr Esslingen, Stuttgart, Esslingen. Die S-Bahn ist besser als ihr Ruf.

Wobei ich eine kleine Episode nicht verschweigen will. Die allerdings nicht mich, sondern Großtante Emma betroffen hat. Die nicht gerne mit dem Zug gefahren ist. Aber einmal hat sie sich doch aufgerafft und ist zum Bahnhof gegangen. Zehn Minuten später war sie wieder zurück: Kurz nach der Ausfahrt ist die Lok entgleist. Tante Emma hat nie wieder den Zug genommen.

Warum ich das alles erzähle? Weil ich ganz viel für die Bahn, aber so gar nichts mehr für den Streit um Stuttgart 21 übrig habe. Und mich an dieser Stelle doch nicht in die Nesseln setzen will. Weil es heikel ist, sich mit einem Heiligen wie Heiner Geißler und Pfarrerskollegen im Ruhestand anzulegen. Trotzdem: Das mit oben und unten zugleich verstehe, wer will. Ob mir im Urlaub die Erleuchtung kommt?

Jedenfalls fahre ich, so weit es geht, natürlich mit dem Zug. Um dann wohl vom Regen in die Traufe zu kommen. Denn auch im Kleinwalsertal tobt ein Glaubenskrieg. Da geht es freilich nicht um einen Bahnhof, sondern um die geplante Seilbahn vom Ifen zum Walmendinger Horn. Hirschegg 21 – na klasse!

Übrigens hängt über meinem Schreibtisch das Bild vom breiten und vom schmalen Weg. Kein frommer Schwabe, der das nicht kennt! Am Ende des breiten Wegs dampft ein Zug in Richtung ewiges Verderben. Oberirdisch, wohlgemerkt. Dass das in Sachen Stuttgart 21 hilft, glaub ich aber selber nicht.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?


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