Die Schweigeminute

Koch meint…

Natürlich ist das Foto hier kein Meisterwerk. Trotzdem habe ich es mit Bedacht gemacht und es absichtsvoll an dieser Stelle platziert. Wo bis jetzt ein Bild von Oslo im Sommer gestanden hat und erste Gedanken zu dem schrecklichen Verbrechen von Norwegen zu lesen waren. Ich komme darauf zurück.

Das Foto ist von meinem Wohnzimmerfenster aus aufgenommen. Im Hintergrund die beiden Türme sowie der Chor der evangelischen Stadtkirche St. Dionys. Davor der Marktplatz. Auf dem am vergangenen Wochenende aber kein Wochenmarkt, sondern das traditionelle Esslinger Marktplatzturnier stattgefunden hat. Zu diesem Zweck hat man wie jedes Jahr ein kleines Handballstadion aufgebaut. Darin ging es dann drei Tage lang zur Sache. Das Hauptturnier hat mein Lieblingsteam gewonnen: der HBW Balingen-Weilstetten. In dessen Internetauftritt es heißt: „Eine Leidenschaft. Ein Verein.“ Wer das Vergnügen hat, in der Nähe seines Trainers Rolf Brack zu stehen, ahnt, was damit gemeint ist.

Wobei es mir darum aber gar nicht wirklich geht. Vielmehr habe ich aus zwei anderen Gründen dieses Foto gemacht und hier eingestellt. Zum einen: So oder so ähnlich stelle ich mir – ja, das Leben vor. Und die Kirche, meine Kirche. Ein Leben voller Spiel und Spannung, wie beim Handball mit Siegen und auch Niederlagen und dazu der Erfahrung, dass es nur im Miteinander geht und „Allein gegen alle“ deshalb eine schlechte Devise ist. Dazu die Kirche. Nicht abseits und vom Leben und der Welt abgewandt, sondern voll dabei und mit dem, was sie zu sagen und zu geben hat, die Menschen, wie sie leiben und leben, spielen, kämpfen, siegen und verlieren, in ihre Mitte nehmend. Und sie gleichzeitig einladend, sich zurückzuziehen und unter Gottes Wort zur Ruhe und Besinnung zu kommen. Jedenfalls haben auch während des Marktplatzturniers in St. Dionys und nebenan im katholischen Münster St. Paul Gottesdienste stattgefunden und die Kirchenglocken dazu eingeladen. Da hat man zwar draußen auf dem Marktplatz für ein paar Minuten weder sein eigenes Wort verstanden noch die Pfiffe der Schiedsrichter gehört. Aber was soll’s? „Des g’hört au dazua“, hat vielmehr ein alter Handballkämpe gemeint. Und er hat Recht, vor allem im übertragenen Sinn: Kirche, Glaube und Gott gehören dazu, und das hoffentlich nicht nur für mich.

Zum andern: Es hat während des Marktplatzturniers einen besonders eindrücklichen Moment gegeben, nämlich die Schweigeminute für die Opfer des Verbrechens von Norwegen und ihre Angehörigen. Das gerade laufende Spiel wurde unterbrochen, die gut eintausend Zuschauer sind aufgestanden, und dann gab es das hier zu hören: dass gerade Sportlerinnen und Sportler, die Fairness groß schreiben, jeden einzelnen Menschen achten und jede Form von Diskriminierung ablehnen, sich den Menschen in Norwegen ganz besonders verbunden fühlen. Danach Schweigen. Und dann zum Abschluss Henrik Ibsen, der norwegische Dramatiker: „Wo Leben ist, da darf auch Hoffnung sein.“

Die Stille auf dem Esslinger Marktplatz hat das Mitgefühl spürbar gemacht. Und St. Dionys im Hintergrund ist Sinnbild für das gewesen, was bis jetzt ebenfalls hier gestanden hat, nämlich ein anderer Ibsen-Satz: „Wenn auch alle Lichter der Welt erlöschen, der Lichtgedanke lebt: Es gibt einen Gott.“ Und deshalb vor allem habe ich auf das Foto von Oslo im Sommer das Bild von Esslingen und seinem Marktplatz folgen lassen. Weil Menschlichkeit keine Grenzen kennt.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?


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