Universität Tübingen ehrt israelischen Sozialphilosophen

Evangelische Landeskirche Württemberg

Den mit 50.000 Euro dotierten Dr.-Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen hat deren evangelisch-theologische Fakultät in diesem Jahr dem israelischen Sozialphilosophen und politischen Publizisten Avishai Margalit zugesprochen. Beim Festakt am Dienstag, 24. Mai im Festsaal der Universität sagte Fakultätsdekan Professor Dr. Volker Drehsen in seiner Laudatio: „Wir zeichnen einen international hoch angesehenen Forscher aus, der vor dem Hintergrund der Holocaust-Erfahrungen, der palästinensisch-israelischen Auseinandersetzungen und der Konflikte zwischen der islamischen und der westlichen Welt nach einer Politik der Würde im Rahmen einer anständigen Gesellschaft sucht.“

 

Charakteristisch für die von Margalit propagierte „anständige Gesellschaft“ sei, so Drehsen, dass deren Angehörige durch die sozialen Institutionen nicht gedemütigt, entwürdigt oder mit ihren Teilhabewünschen zurückgestoßen würden. Diese Definition einer Gesellschaft durch den Ausschluss von Übeln anstatt durch das Setzen positiver Werte sei nach dem Urteil Margalits pragmatisch und erfolgversprechend, erläuterte Drehsen: Eine Gesellschaft könne so eher darauf bedacht sein, „das Übel in der Gesellschaft zu vermeiden als sich mit der idealen Verwirklichung des Guten zu überanstrengen.“

 

In seinem Festvortrag sprach der Preisträger über Apostasie, also das Abfallen vom Glauben oder die Abwendung von einer Religion. Diese gelte in liberalen Gesellschaften zwar als Menschenrecht. Innerhalb einer Religionsgemeinschaft werde sie aber insbesondere dann, wenn sie mit der Hinwendung zu einer anderen Religion einhergehe, oft als Verrat empfunden. Margalit unterschied zwischen Apostasie und Idolatrie, also einer Verehrung des falschen Gottes oder einer falschen Verehrung des richtigen Gottes. Das Letztere sei ein Verrat an Gott, das Erstere ein Verrat an der religiösen Gemeinschaft.

 

Das Christentum gleiche in seiner Struktur einem Freundeskreis, dessen einendes Band der gemeinsame Glaube sei, sagte Margalit. Werde dieser von einem Mitglied aufgegeben, so sei damit die Verbindung aufgehoben und die Zugehörigkeit zur Gruppe hinfällig. Das Judentum habe dagegen eher familiäre Strukturen. Als Jude gelte, wer von einer jüdischen Mutter geboren worden sei. Er warf deshalb die Frage auf: „Ist das Judentum eine Glaubensgemeinschaft oder ist es vor allem eine Gemeinschaft der Erinnerung und der gemeinsamen Geschichte, die zwar einen gemeinsamen Glauben hat, aber sich nicht dadurch konstituiert?“ Schließlich hätten die meisten heutigen Juden ihren Glauben verloren ohne dabei auch nur einen Moment lang ihr Bewusstsein verloren zu haben, Juden zu sein.

 

Avishai Margalit wurde 1939 im palästinensischen Afula geboren und wuchs in Jerusalem auf. Nach dem Studium der Philosophie und Wirtschaftswissenschaften in Jerusalem war er als Wehrdienstleistender im Sechs-Tage-Krieg 1967 an der Eroberung von Ost-Jerusalem beteiligt. Während er in Oxford seine Doktorarbeit schrieb, setzte er sich gleichzeitig im israelisch-palästinensischen Konflikt energisch für eine Zwei-Staaten-Lösung ein. Margalit war an der Hebräischen Universität in Jerusalem ab 1970 Lecturer, ab 1973 Senior Lecturer, ab 1980 Associate Professor und ab 1998 Shulman-Professor für Philosophie. Seit seiner Emeritierung 2008 lehrt er in Princeton (USA). Avishai Margalit war mit der 2010 verstorbenen Jerusalemer Philosophieprofessorin Edna Ullman-Margalit verheiratet, mit der er vier Kinder hat.

 

Der Dr.-Leopold-Lucas-Preis würdigt alljährlich hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Theologie, der Geistesgeschichte, der Geschichtsforschung und der Philosophie. Er ehrt dabei insbesondere Persönlichkeiten, die zur Förderung der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern wesentlich beigetragen und sich durch Veröffentlichungen um die Verbreitung des Toleranzgedankens verdient gemacht haben. Die Auszeichnung wurde 1972 von dem am 9. Juli 1998 verstorbenen Generalkonsul Franz D. Lucas, ehemals Ehrensenator der Universität Tübingen, zum 100. Geburtstag seines in Theresienstadt umgekommen Vaters, des jüdischen Gelehrten und Rabbiners Dr. Leopold Lucas gestiftet.

 

Die Evangelisch-Theologische Fakultät vergibt den Preis alljährlich im Namen der Universität Tübingen. Zu den bisherigen Preisträgern gehörten prominente Gelehrte wie Schalom Ben-Chorin (1974), Karl Raimund Popper (1981), Karl Rahner (1982), Fritz Stern und Hans Jonas (1984), Paul Ricoeur (1989), Michael Walzer (1998), André Chouraqui (1993), Moshe Zimmermann (2002), Yosef Hayim Yerushalmi (2005) und Dieter Henrich (2008) sowie Repräsentanten des religiösen und kirchlichen Lebens wie der 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso (1988), der polnische Erzbischof Henryk Muszynski (1997) und der evangelische Bischof Eduard Lohse (2007) oder Vertreter aus Kultur und Politik wie der frühere senegalesische Staats-präsident und Dichter Léopold Sédor Senghor (1983) und der Altbundespräsident Richard von Weizsäcker (2000). Der Preisträger des vorigen Jahres war der amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger.

 

http://www.evangelischer-kirchenbezirk-tuebingen.de

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