Passionstuch in der Biberacher Stadtpfarrkirche

Evangelische Landeskirche Württemberg

Eine Raum-Installation von Schülern des Wieland-Gymnasiums in Biberach erregt derzeit die Gemüter in Biberach. Die Profilklasse Kunst 9b,c hat in der Stadtpfarrkirche St. Martin ein sieben Meter hohes und vier Meter breites Passionstuch in den Altarraum gehängt. Der begleitende Kunsterzieher,  Oberstudienrat Heinz Dress, schreibt dazu:
 
Das aufgehängte "Bluttuch" ist Teil einer gestalterischen Aktion zum Thema "Raum und Zeit – Zeit und Raum" und angelehnt an Aschermittwoch und Fasten-/Passionszeit. In einem ersten Schritt, bereits vor 3 Wochen, war im Chorraum ein fein ausgelegtes Feld aus gesiebter Asche aufgebracht. Ein Sinnbild für Flüchtigkeit, aber auch Zartheit und Empfindlichkeit alles Kreatürlichen.

Asche –  Symbol für Reinigung im Feuer, für Ende, gleichzeitig aber auch für Hoffnung und Neubeginn. Zu Beginn der Karwoche wurde als 2. Teil das große "Bluttuch"  im Rahmen einer Passionsmeditation aufgehängt. "Blut, Blutbahnen, Blutspritzer…"  –  solche Begriffe alarmieren, sie sind emotionsgeladen und provozieren eine Gestaltung, die keiner Gegenständlichkeit bedarf. Die absolute Farbigkeit im Großformat wirkt so wesentlich eindringlicher; sie versetzt damit Raum und Besucher in Schwingung.
 
Im Karfreitagsgottesdienst nahm Dekan Hellger Koepff die Botschaft des Bluttuches auf und verband sie mit dem Bericht über die Kreuzigung Jesu durch den Evangelisten Lukas (http://hier die Predigt zum Nachlesen).

Assoziationen zur Passionsgeschichte (Leid, existentielle Not, Tod) sind nahe liegend und belegen die enge Verbindung von Kunst und Religion.
Während der Aufführung der Johannespassion am Palmsonntag war der Eindruck des Passionstuches besonders drastisch. Die „Torheit des Kreuzes“ und sein bleibendes Ärgernis waren sowohl hörbar als auch sichtbar.
Mag uns Heutigen die Blut- und Wundenfrömmigkeit der Zeit Bachs eher fremd sein, so hat die Rauminstallation allein durch ihre Farbigkeit ganz aktuelle Assoziationen einer verletzten Schöpfung und des gewaltsam-zerstörerischen Handelns des Menschen hervorgerufen.
 
Textpassagen aus der Johannespassion:
 
„Von den Stricken meiner Sünden
Mich zu entbinden,
Wird mein Heil gebunden.
Mich von allen Lasterbeulen
Völlig zu heilen,
Läßt er sich verwunden…
 
Wer hat dich so geschlagen,
Mein Heil, und dich mit Plagen
So übel zugericht‘?
Du bist ja nicht ein Sünder
Wie wir und unsre Kinder,
Von Missetaten weißt du nicht…
 
Betrachte, meine Seel, mit ängstlichem Vergnügen,
Mit bittrer Lust und halb beklemmtem Herzen
Dein höchstes Gut in Jesu Schmerzen,
Wie dir auf Dornen, so ihn stechen,
Die Himmelsschlüsselblumen blühn!
Du kannst viel süße Frucht von seiner Wermut brechen
Drum sieh ohn Unterlass auf ihn!
Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken
In allen Stücken
Dem Himmel gleiche geht…“
 
Pfarrer Ulrich Heinzelmann
 

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