Palmsonntag 2011 – Zeit für den Abschied

Evangelische Landeskirche Württemberg

Ein köstlicher Duft breitet sich im Raum aus. Raffiniert, verführerisch, erlesen. Er kriecht in die hinterste Ecke des Hauses, er schlüpft durch die Nasenlöcher der erbosten Männer und unter die Haut dessen, der bald sterben wird. Der Duft von Luxus, Reichtum, Müßiggang. Er passt so gar nicht zu dem entbehrungsreichen Leben, das die Männer, die sich im Raum versammelt haben, in den letzten Jahren geführt haben: Morgens nicht wissen, wo man abends schläft.
Eine Frau steht vor Jesus und streicht mit ihren Händen kostbares Öl auf seine Haut, seinen Kopf. Sie verwöhnt, pflegt, ehrt ihn. Gibt es etwas Sinnloseres als für ein Duftöl Geld auszugeben? Wie irrational diese Frau handelt! Die Gedanken und Worte der Jünger, die die Szene beobachten, durchkreuzen den lieblichen Geruch: Hunderte Arme hätte man davon satt bekommen. Welche Kraft liegt in diesem Argument. Rationalität gegen Emotion! Soziales Engagement gegen Luxus. Und muss, wer Gutes tut, nicht dem Luxus abschwören?
Die Frau kommt in der Geschichte nicht mehr zu Wort. Vielleicht dringen die Worte gar nicht zu ihr. Vielleicht ist sie zu vertieft: Haut auf Haut, menschliche Wärme an menschlicher Wärme. Abschied. Sie salbt Jesus, wie sonst nur Tote gesalbt werden oder Könige. Sie schenkt ihm das kostbare Öl, Zeit, Aufmerksamkeit. Etwas, was sie ihm nur noch jetzt geben kann. Etwas, was sich nicht aufschieben lässt. Unerbittlich ist der Tod: zu spät. „Ach hätt ich doch!“ hallt es so oft in den Herzen der Hinterbliebenen.
Und so sagt Jesus: „Arme habt ihr allezeit bei euch, mich nur noch wenige Tage.“
Erkennt, was dran ist. Manchmal das, was auf den ersten Blick nicht die stärksten Argumente hat.

Silke Stürmer

Die ganze Geschichte „Die Salbung in Bethanien“ ist nachzulesen in Markus 14, 3-9
 

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