Wider das Vergessen

Koch meint…

Keine Frage: Japan ist weit weg, und das verheerende Erdbeben, das den Inselstaat im fernen Asien getroffen hat, liegt auch schon einen Monat zurück. Und trotzdem: Gibt es irgendeine Rechtfertigung für unsere Vergesslichkeit, was besagte Katastrophe und die von ihr betroffenen Menschen anbelangt?

Wobei Japan nach wie vor in aller Munde ist, aber auf eine merkwürdige Weise auf Fukushima fokussiert. Und die fortdauernden Probleme im dortigen Atomkraftwerk sind doch hauptsächlich deshalb von bleibendem Interesse, weil sie – nicht zu Unrecht übrigens – als Schreckensszenario für einen möglichen ähnlichen GAU hierzulande dienen. Deshalb haben sie ja auch eine Landtagswahl mit entschieden.

Wer aber erinnert sich am 11. April bei uns noch daran, dass am 11. März in Japan mutmaßlich 28 000 Menschen gestorben sind und weit über 10 000 von ihnen immer noch vermisst werden? Jedenfalls ist, was vor vier Wochen als eine Katastrophe biblischen Ausmaßes in den Schlagzeilen gestanden hat, in den Nachrichten weit nach hinten gerückt. Dabei ist nichts, aber auch gar nichts schon wieder gut im erdbebenverheerten und tsunamiverwüsteten Japan.

Vielleicht liegt es ein bisschen ja auch an den Japanern selbst, dass das große Unglück beinahe schon ein mediales Schattendasein führt. Weil sie ihr Schicksal scheinbar stoisch ertragen, nicht groß nach Hilfe rufen und auch ihre Zeitungen, Radio und Fernsehen, wie man liest und hört, eine für unsere Verhältnisse außergewöhnliche Zurückhaltung an den Tag legen. Aber leider ist auch der Eindruck nicht von der Hand zu weisen, dass in unserer schnelllebigen Zeit noch nicht einmal Zigtausende von Toten und Hunderttausende von Obdachlosen die Phantasie mehr als nur ein paar Tage beschäftigen. Und Globalisierung hin, Globalisierung her: Von der eigenen Tagesordnung abzuweichen, wenn in einem andern Teil der Erde die Welt buchstäblich aus den Fugen gerät, fällt uns auch nicht wirklich ein.

Die Folge davon ist aber eine fast schon erschreckende, nämlich dass am 11. April, also gerade mal einen Monat nach der Katastrophe, nicht etwa das Schicksal der Japaner, sondern andere Dinge die Öffentlichkeit hierzulande beschäftigen: der von der Europäischen Union angedrohte höhere Dieselpreis, die Entlassung des Bayern-Trainers Louis van Gaal oder „Deutschland sucht den Superstar“. So viel zum Thema: „Was wirklich zählt auf dieser Welt“!

„Es ist sehr wesentlich“, hat der Schriftsteller Erich Limpach einmal gesagt, „zu unterscheiden zwischen dem, was man vergessen kann, und dem, was man nicht vergessen darf.“ Vielleicht können und dürfen wir das, was man dieser Tage unter Japan so alles versteht, irgendwann einmal vergessen. Aber zum jetzigen Zeitpunkt sicher noch nicht. Was die Menschen dort derzeit brauchen, ist vielmehr unser Erinnern. Weil Erinnerung menschlich, Gleichgültigkeit in so einem Fall aber schändlich ist.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?


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