Schützende Engel und speiende Dämonen

Evangelische Landeskirche Württemberg

Wie oft er die Gerüste an der Esslinger Frauenkirche erklommen hat, um alle 63 Wasserspeier des gotischen Baudenkmals zu fotografieren, kann Peter Köhle nicht sagen. Unzählige Male hat er zwischen August und Dezember vergangenen Jahres seine Kamera geschnappt, um die skurrilen Steinfiguren ins Bild zu bannen. Die Ergebnisse sind nicht nur in der Ausstellung „Das Böse bannen“ demnächst im Esslinger Stadtmuseum zu sehen.

 

Das Buch „Schützende Engel – Speiende Dämonen“ ergänzt Köhles Fotografien durch verschiedene Fachbeiträge. Sie geben auf ganz unterschiedliche Weise Einblicke in Funktion und Entwicklung der Wasserspeier, vor allem aber auch in die Bedeutung, die Engelwesen und Dämonen in der Glaubenswelt vergangener Jahrhunderte und bis in die Gegenwart hatten.

Wasserspeier inspirierten HAP Grieshaber

 

Die Anregung zum Wasserspeier-Projekt gab der Esslinger Arzt und Kunstkenner Wolfgang Mahringer. Dieser bat den passionierten Fotografen Peter Köhle, Fotos von den Wasserspeiern der Frauenkirche zu machen, und erwähnte dabei, dass diese zum Teil monströsen Figuren, die im Volksmund so deftige und sprechende Namen wie Zimmtrotzer, Pfefferhuster, Sackzwicker, Madonnenbeißer, Zwiebelfresser, Schwabenbrüller oder Ewigkeitsdackel tragen, den Künstler HAP Grieshaber 1968 zu vier Holzschnitten inspiriert hatten. Eine Tatsache,die in Esslingen nahezu unbekannt ist. Mahringer plante einen Text über die Verbindung seines verstorbenen Freundes Grieshaber zur Frauenkirche. Dieser ist heute Teil von Peter Köhles Buch.

Abenteuerliche Klettertouren

 

„Ich war gleich Feuer und Flamme“, erzählt Peter Köhle. Der Diplomingenieur und frühere Kirchengemeinderat schnürte die Wanderstiefel und packte seine Kamera ein, ließ sich von den Steinmetzen der Bauhütte den Aufzug am Gerüst erklären und kletterte auf schwankenden Bohlen in schwindelnde Höhen, um die Steinfiguren abzulichten. Viele davon sind Kopien der Originale oder Schöpfungen des 19. Jahrhunderts.

 

Fabeltiere, Monster oder Mischwesen wie das Fischweib, aber auch den der Esslinger Sage entlehnten eine Zwiebel fressenden Teufel fand er an den Traufen und Simsen –  und der Anblick aus nächster Nähe zog nicht nur ihn in Bann. „Je näher man diesen Viechern kommt, desto faszinierender sind sie. Sie werden richtig lebendig“, gesteht auch Hans Norbert Janowski, dessen Aufsatz „Schützende Engel – Speiende Dämonen“ dem Buch seinen Titel gibt. Denn auch den goldenen Engel, der die Kirchturmspitze ziert, hat Peter Köhle fotografiert. Er sei „Bote, Beschützer, Verkünder und Wächter zugleich“, erklärt Janowski.

Originale aus dem 14. Jahrhundert

 

Hoch oben in den Turmstuben lagerten noch einige der Originalwasserspeier aus dem 14. bis 15. Jahrhundert. Ein besonderer Glücksfall sei gewesen, als bei Frost aus den steinernen Mündern plötzlich Eiszapfen wuchsen, erzählt Peter Köhle. Seine Frau, die Kulturwissenschaftlerin Christel Köhle-Hezinger, brachte ihn auf die Idee einer Ausstellung samt Begleitbuch.

 

Beim Stadtmuseum rannte er offene Türen ein und auch Autoren für Fachbeiträge ließen sich nicht lange bitten. „Ich fand das Thema sofort faszinierend. Es war ein richtiges Abenteuer, sich hinein zu vertiefen“, erzählt Hans Norbert Janowski. Der evangelische Theologe und Publizist erklärt in seinem Beitrag unter anderem, wie die Monster und Chimären Eingang in die christliche Gedankenwelt fanden und welche Bedeutung Engel und Dämonen auch heute – nach Reformation und Aufklärung – noch haben.

 

Doppelfunktion der Monster

 

Schon immer hatten die Wasserspeier wie auch ihre spirituellen Pendants eine Doppelfunktion. Ganz praktisch leiteten sie das Regenwasser möglichst weit von den Gebäuden ab. Zugleich sollten sie mit ihren bedrohlichen Fratzen böse Mächte abwehren und an den Nahtstellen zwischen Dach und Kirchenwand das Eindringen böser Geister in den sakralen Raum verhindern, erklärt Janowski. Mit aufgesperrten Mäulern und bedrohlichen Gesten sollten die steinernen Monster Gleiches mit Gleichem abwehren. Die Abschreckung verstärkte der gurgelnde Lärm, der bei Unwetter durch das Wasser entsteht. Im 19. Jahrhundert dann ironisierten die Steinmetze zuweilen das Thema, schufen Figuren, die den alten Dämonenglauben in Frage stellten.

Säkularisierter Schutzglaube

 

Janowski spannt in seinem Beitrag den Bogen bis in die Gegenwart: „Engel sind in einer entgötterten Welt wieder zu Sinnvermittlern geworden. Sie machen anschaulich, was unanschaulich geworden ist, und erfüllen ein Bedürfnis nach Sinn“, erklärt er, warum Schutzengel aber auch Dämonen die aktuelle Literatur bevölkern. Gerade in einer Zeit der Unsicherheit, in der Arbeitslosigkeit, Scheidung und Terror- und Kriegsgefahren drohten, wachse das Verlangen nach Beziehung und einer Stärkung des Selbstwertes. Der „säkularisierte Schutzglaube“ sei dafür ein Indiz.

Neben den Texten von Hans Norbert Janowski und Wolfgang Mahringer beinhaltet Köhles Buch auch Beiträge von Martin Beutelspacher, dem Leiter des Esslinger Stadtmuseums, und Richard Strobel, ehemaliger Oberkonservator beim Landesdenkmalamt und Verfasser eines Buchs über Wasserspeier in Schwäbisch Gmünd, sowie von Dekan Bernd Weißenborn.

 

Buchvorstellung am 8. April 2011

 

Das Buch, das von der Stiftung Esslinger Kulturpreis gefördert wird, erscheint in einer Auflage von 1000 Exemplaren und ist zum Preis von 14,50 Euro bei Esslinger Buchhandlungen und der Esslinger Stadtmarketing erhältlich. Die öffentliche http://Vorstellung und Übergabe des Buches an Dekan Bernd Weißenborn findet am 8. April 2011 um 19 Uhr in der Esslinger Frauenkirche statt. Zur http://Ausstellung im Stadtmuseum vom 8. April bis zum 13. Juni 2011 gibt es zahlreiche Begleitveranstaltungen.

 

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