Fukushima ist überall

Koch meint…

Um dies eine gleich vorweg zu sagen: Dass die Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg 1 Million Euro Not- und Wiederaufbauhilfe für Japan bereitgestellt hat, finde ich gut. So sieht unbürokratisches Handeln aus. Das Kirchenparlament tut in schwieriger Zeit das Richtige.

Ansonsten aber bin ich irritiert. Denn hat gerade eben noch das Erdbeben im fernen Asien im Vordergrund gestanden, bestimmt jetzt Libyen die Schlagzeilen. Wo amerikanische, englische und französische Kampfjets dem Diktator Muammar al-Gaddafi sein menschenverachtendes Handwerk zu legen versuchen. Dabei gehört die japanische Katastrophe keinesfalls in die zweite Reihe. Schließlich werden noch immer 10 000 Menschen vermisst, und in den Reaktoren von Fukushima droht nach wie vor der atomare Super-GAU.

Aber so ist es halt, wenn die Erde sich immer schneller dreht und von einer Krise in die nächste rauscht: Auf Nachrichtenplatz 1 kann nur eine Sache stehen! Die bislang erste aber rückt nach hinten und mit ihr die Menschen, deren Schicksal gestern noch die ganze Welt beschäftigt hat.

Wobei mir in meiner Irritation der Titel eines Films erinnerlich wird: „Gottes vergessene Kinder“. Allerdings hieße es die Schuld auf einen Falschen schieben, wollte man Gott für alle in Vergessenheit geratenen Katastrophen und ihre Opfer verantwortlich machen. Denn nicht er, wir sind es, denen die Taktfolge schlimmer Ereignisse und die sie begleitenden Nachrichten die Besinnung und mit ihr die Erinnerung rauben. Was zur Folge hat, dass nur noch die berufsmäßigen Krisenbegleiter wissen, wo Menschen weiter hungern, frieren, leiden. Aus dem kollektiven Gedächtnis dagegen sind sie längst entschwunden, und das oft binnen weniger Tage. Siehe Pakistan, siehe Haiti vom vergangenen Jahr!

Nur dass das bei Japan so um Himmels und der Menschen willen nicht sein darf! Weil, wie gesagt, das Schicksal von Tausenden von Frauen, Männern und Kindern auch eine Woche nach dem großen Beben noch ungeklärt ist. Weil über Fukushima weiter das Damoklesschwert einer nuklearen Katastrophe hängt. Weil es Monate dauern wird, bis die schlimmsten Folgen beseitigt sind, und Jahre, ehe Japan, wenn überhaupt, halbwegs zur Normalität zurückkehren kann. Und weil – ja, wir alle nicht vergessen dürfen, wie gerade bei dieser Katastrophe das möglicherweise größte Problem von uns Menschen verursacht worden ist. Die Natur jedenfalls hat mit Atomkraftwerken augenscheinlich nichts am Hut. Im Gegenteil: Sie hat sie erschüttert und mit ihr unseren Glauben an ihre Sicherheit.

Was zusammen ein Doppeltes bedeutet: Auch die Menschen in Libyen sind wichtig. Aber vergessen wir über ihnen diejenigen nicht, die dauerhaft auf unsere Hilfe angewiesen sind, ob sie nun in Japan, Pakistan oder Haiti leben! Und lassen wir uns gerade Japan eine Lehre sein! Lange genug haben wir mit dem Feuer der Atomkraft gespielt. Wenn wir es weiter tun, werden wir gegebenenfalls mehr als nur die Finger verbrennen. Weil Fukushima überall ist bzw. nach dem 12. März 2011 überall sein kann. Noch haben wir die Chance, eine mögliche Katastrophe zu verhindern. Wir sollten sie nutzen, und zwar alle miteinander und also auch über Parteigrenzen hinweg.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?


Zur Quelle

Schreibe einen Kommentar

*