Ein Schmelztiegel der Lebensgeschichten

„Der Ofen ist aus“, sagt Waldemar Hein, wenn er über seine finanzielle Situation spricht. Das Ersparte ist weg, es gibt kein berufliches Einkommen mehr, und die 4000 Euro vom Kleinkredit müssen auch noch irgendwie abbezahlt werden. „Ich stehe finanziell im Abseits.“ Hein kommt jeden Tag in die Ludwigsburger Vesperkirche, drei Wochen lang. Dort bekommt er für 1,50 Euro Kaffee, Kuchen, Getränke und ein Mittagessen. An diesem Tag liegen Fleisch, Nudeln und Salat auf dem Teller. Weil Hein so wenig für die Mahlzeit zahlen muss, kann er etwas Geld zur Seite legen. „Die Vesperkirche ist ein lebenswichtiger Anker für mich.“ Und sie ist ein Ort, an dem er unter Leute kommt.

 

Waldemar Hein, 63 Jahre alt, bewohnt ein 25 Quadratmeter großes Zimmer in der Ludwigsburger Jägerhofallee, eine „Räuberhöhle“, wie er selber sagt.  Der gebürtige Bayer arbeitete 46 Jahre lang, bei der Gemeinde in Heimsheim, beim Finanzamt in Stuttgart, zuletzt 17 Jahre lang als Amtsbote und stellvertretender Hausmeister bei einer Behörde in Ludwigsburg. Vor drei Jahren ging Hein krankheitsbedingt in den Ruhestand, damals wog er 160 Kilo, heute 145 Kilo. Seit seiner Kindheit muss er Medikamente gegen Epilepsie einnehmen. „Kannst Du mir bitte noch ein Messer bringen?“, fragt Hein in der Vesperkirche die neben ihm sitzende junge Dame. Julia Schweizer, 17 Jahre alt, Schülerin des Goethe-Gymnasiums, steht sofort auf und bringt ihm außer dem Messer gleich noch eine Serviette mit.

 

Der vom Leben gebeutelte Frühpensionär und die hoffnungsvoll in die Zukunft blickende Schülerin hätten sich im normalen Alltagsleben wohl nie getroffen. Jetzt sitzen sie in der Vesperkirche nebeneinander und unterhalten sich so angeregt, als ob sie sich schon seit vielen Jahren kennen würden. Die beiden haben trotz aller Unterschiede eine Gemeinsamkeit: Das Interesse am Anderen, an der fremden Lebenswelt. „Das Besondere an der Vesperkirche sind nicht nur günstiges Essen und Trinken, sondern auch die Begegnungen mit anderen Menschen“, sagt Hein. Viele, mit denen er sich dieses Jahr unterhält, kenne er von der Vesperkirche 2010. „Das ist so, als ob sich eine große Familie trifft.“

 

Das hört Martin Strecker gerne. „Die Vesperkirche ist ein Begegnungsprojekt“, sagt der Geschäftsführer der Diakonischen Bezirksstelle Ludwigsburg. Es kämen mehr verarmte Menschen als im vergangenen Jahr, doch brauche es auch die andere Seite, also jene Gäste, „die sich nicht als arm bezeichnen würden“, wenn das Motto der Vesperkirche mit Leben erfüllt werden solle: „Miteinander für Leib und Seele.“ Die Zahl dieser wohlhabenderen Gäste sei „deutlich weniger“ geworden, so Strecker.  Aber eine Unterscheidung sei ohnehin schwierig, weil man den meisten Gästen die Armut nicht ansehen könne. Außerdem kämen neben den Verarmten noch andere Gruppen hilfsbedürftiger Menschen in die Vesperkirche, sagt Sozialarbeiterin Bärbel Albrecht. An den Tischen säßen auch psychisch kranke, ältere oder einsame Menschen, „die drei Wochen lang die Gemeinschaft suchen“.

 

Dazu gehören auch Eva und Heinz Stiefel. Seit 49 Jahren ist das Kornwestheimer Ehepaar verheiratet, früher campten sie in Italien und Jugoslawien, sie wanderten, schwammen und tanzten. Heute kommen beide nur noch wenig aus dem Haus: Heinz, 74 Jahre alt, ist dement und inkontinent. Seine sieben Jahre jüngere Frau muss ihm mehrmals am Tag die Windeln wechseln. Seit Jahren ist Eva nicht mehr verreist, selbst den Gottesdienst kann sie nicht mehr besuchen, weil sie bei ihrem Mann bleiben muss. „Wir essen in der Vesperkirche, weil man hier unter Menschen kommt“, sagt  Frau Stiefel. Auch wenn die Krankenkasse sie und ihren dementen Mann viel zu wenig unterstütze: „Wir kommen nicht aus finanziellen Gründen hierher“, betont Eva Stiefel. Sie und ihr Mann gehen auch wegen des herzlichen Miteinanders von Helfern und Gästen  so gern in die Vesperkirche.

 

„Hier herrscht eine angenehme, warme Atmosphäre“, sagt Katja Hahn. Die 42-Jährige Ludwigsburgerin ist eine von insgesamt 300 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die Geschirr spülen, an der Kasse sitzen, den Kuchen ausgeben und sich so um die zum Teil mehr als 500 Gäste pro Tag kümmern. Hahn arbeitet ein Mal pro Woche als Bedienung, sie betreut die Gäste des ihr zugeteilten Tisches, sie bringt das Essen, schaut nach den Getränken, räumt ab, „und zwischendurch reicht es auch zu einem Gespräch“. Als Lohn erhalte sie „viel Lob“ und sehe in „viele strahlende Gesichter“, sagt Hahn. Auch Annegret Metze schätzt die „warme Atmosphäre“ in der Vesperkirche. „Sind Sie morgen wieder da?“, diese Frage höre die Helferin, die fünf Mal in der Woche von 9.30 bis 15.30 Uhr in der Vesperkirche arbeitet, öfters.  „Wir alle, Helfer und Gäste, freuen uns, wenn wir uns wiedersehen.“

 

Fällt ein Helfer kurzfristig aus, wird ein anderer kontaktiert, der zeitlich flexibel ist. „Die meisten sind enttäuscht, wenn sie nicht oft genug angerufen werden“, sagt Lea Dannenhauer. Die 22-jährige studiert Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule, sie ist wie Martin Strecker und Bärbel Albrecht ein Teil des Teams, das das Projekt Vesperkirche seit Herbst organisiert hat. Kommen viele Gäste, spricht Lea nicht von einem stressigen, sondern von einem erfolgreichen Tag. „Viele Eindrücke, viele Menschen, viele Gespräche: Ich gehe kaputt, aber zufrieden nach Hause“, beschreibt Lea ihre Arbeitstage in der Vesperkirche. Dort sehe und begreife sie, „ wie vielfältig Not sein kann“ und dass Menschen nicht nur deshalb Hilfe brauchen, weil sie zu wenig Geld haben, sondern auch, weil sie krank oder einsam sind. „Ich werde die Vesperkirche vermissen, wenn sie zu Ende ist“, sagt Lea.

 

Inmitten des Trubels gibt es täglich einen Moment, an dem Helfer und Gäste inne halten. Um 12.45 Uhr ertönt in der Kirche  ein dunkler tiefer Gong, der eine kurze Zeit der Stille und Ruhe einläutet. Die meisten Gäste hören auf zu essen, die Gespräche verstummen, die Helfer machen Pause. An diesem Mittwoch schauen alle Richtung Altar, auf der Bühne führen Schüler des Goethe-Gymnasiums ein kurzes Theaterstück auf. Eine der Schauspielerinnen ist Julia, die kurz darauf am Tisch bei Waldemar Hein sitzt. Schnell sind die beiden per Du, die 17-Jährige sagt „Waldi“ zu dem 63-Jährigen. Beim Abschied drückt das Mädchen dem Frührentner ein Busserl auf den Schopf. Die beiden könnten sich bald weiter unterhalten. „Die Vesperkirche ist eine tolle Aktion“, sagt Julia, „ich überlege mir, noch mal als Helferin zu kommen.“

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