Diakoniepfarrerin Karin Ott: Es war genug für alle da!

Mit einem Gottesdienst um 16 Uhr schließt an diesem Samstag, 5. März, die Stuttgarter Vesperkirche. In den vergangenen sieben Wochen haben über 500 ehren- und zehn hauptamtlich Mitwirkende knapp 30.000 Mittagessen und etwa 27.000 Liter warme und kalte Getränke ausgeteilt.   

Rund 14.000 Kilogramm Käse und 16.000 Kilogramm Wurst, 5.200 Stück Butter und rund 100.000 Scheiben Brot seien für rund 27.000 Vesperbeutel benötigt worden.

"Es ist genug für alle da!" – dem Motto der Vesperkirche habe man auch in diesem Jahr wieder gerecht werden können, sagte Karin Ott, die Diakoniepfarrerin des Evangelischen Kirchenkreises Stuttgart. Zahlreiche Geld- und Sachspenden hätten dies möglich gemacht. "Es ist für uns ermutigend zu wissen, dass wir getragen werden von einem Netz einer unglaublich breiten und vielfältigen Solidarität", so die Diakoniepfarrerin. Aus weit mehr als 1.000 Spenden von Privatpersonen, Gruppen, Unternehmen und Stiftungen könnten die Gesamtkosten von rund 240.000 Euro gedeckt werden. Unter den Ehrenamtlichen waren rund 130 Jugendliche. Die Rückmeldungen zeigten, dass die Vesperkirche eine ausgesprochen wertvolle und prägende Erfahrungen für junge Menschen sei, berichtete Karin Ott.

Sie beklagt: Vielen Gästen der Vesperkirche fehle jegliche Perspektive für ihr Leben. "Trotz wachsenden Wohlstands, die Zahl der Menschen, die weit davon entfernt ist, jemals an diesem Wohlstand teilhaben zu können, wächst". Wirtschaftlicher Aufschwung und steigende Beschäftigungszahlen kämen bei den Gästen der Vesperkirche nicht an.

Ott fordert eine gesamtgesellschaftliche Debatte darüber, wie verhindert werden kann, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander gehe. Bei wachsendem Wohlstand in Deutschland seien immer mehr Menschen arm. Eine typische Erfahrung von Gästen der Vesperkirche sei: "Egal, wie sehr ich mich anstrenge, es gibt für mich keine Arbeit mit Ende 40". Menschliche Arbeitskraft werde überflüssig gemacht in unserer Gesellschaft, das dürfe nicht sein. Man müsse akzeptieren, dass es leistungsstarke Menschen gebe und schwächere, "trotzdem haben beide ihren Platz", sagte Ott, und das Recht, in Würde zu leben.

Zum nunmehr 17. Mal ist die Stuttgarter Leonhardskirche in der kalten Jahreszeit für mehrere Wochen zu einer Vesperkirche geworden. Die Hilfsaktion soll auch im kommenden Jahr fortgesetzt werden. Zum Hilfsangebot gehörte auch in diesem Jahr wieder die kostenlose ärztliche Versorgung und Beratung. Für Haustiere gab es Futter und Impfungen, auch Friseure waren ehrenamtlich tätig. Sozialarbeiterinnen und Diakone berieten Gäste in Notlagen. Jeden Sonntag gab es "Kultur in der Vesperkirche", bei der in diesem Jahr erstmals auch eine Band aus Profimusikern und Vesperkirch-Gästen mitmachte.

Beim Abschlussgottesdienst am kommenden Samstag predigt Landesbischof Frank Otfried July. Auch die "Vesperkirchenband" tritt noch einmal auf.

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