Lust am Untergang

Ist zu dem Fall Karl-Theodor zu Guttenberg nicht eigentlich schon alles gesagt? Nachdem so gut wie jede Zeitung, jeder Radiosender, jede Fernsehstation und jede vermeintliche oder tatsächliche Expertenrunde sich in den vergangenen Tagen und Wochen dazu geäußert hat, von den Stammtischen und Kabarettbühnen ganz zu schweigen? Wahrscheinlich schon. Und deshalb hier an dieser Stelle nur noch eine kurze Frage: Warum fällt es uns eigentlich so schwer, einen Fehler einfach zuzugeben? Oder anders gefragt: Woher kommt unsere Lust am Untergang?

Weshalb man auch mit Leopold von Ranke beginnen könnte, und zwar so: „Nicht Blindheit ist es, nicht Unwissenheit, was Menschen … verdirbt. Nicht lange bleibt ihnen verborgen, wohin die eingeschlagene Bahn sie führen wird. Aber es ist in ihnen ein Trieb …, dem sie nicht widerstehen, der sie weiter vorwärts reißt, solange sie noch einen Rest von Kraft haben. Göttlich ist der, welcher sich selbst bezwingt. Die meisten sehen ihren Ruin vor Augen, aber sie gehen hinein.“

Wie auf Karl-Theodor zu Guttenberg gemünzt! Der gewusst haben muss, dass er mit seiner Schummelei nicht durchkommen würde. Und der trotzdem abgewiegelt, verniedlicht und die Wahrheit mehr als nur strapaziert hat. Jetzt ist er seinen Doktortitel los und mit ihm seinen guten Ruf. Mag sein, dass er sich als Verteidigungsminister noch eine Weile hält. Aber der Lack ist ab. Mehr noch: zu Guttenberg hat seine Integrität und damit seine Autorität verspielt. Und das ist sein politischer Untergang. Einen Gorch-Fock-Kapitän jedenfalls kann er nicht mehr in der Manier eines absolutistischen Fürsten entlassen, mag ihm die Bild-Zeitung noch so sehr den Rücken stärken.

Dabei wäre alles so einfach gewesen, nämlich mit diesem Eingeständnis hier: „Ja, ich habe Mist gebaut. Ich stehe dazu. Es tut mir leid. Ich bitte um Entschuldigung und bin bereit, die Folgen meines Tuns zu tragen.“ Möglicherweise hätte er zurücktreten müssen. Aber es wäre ein Gehen gewesen, um wiederzukommen. Jetzt ist es dafür zu spät.

Wobei sich auch in diesem Fall Geschichte wiederholt, wenngleich in viel kleinerer Dimension. Jedenfalls sagen in einem Film über Richard Nixon seine Berater genau dies, und zwar unmittelbar bevor der amerikanische Präsident wegen der Watergate-Affäre buchstäblich aus dem Amt gejagt wird: „Warum haben wir nicht vor einem Jahr unsere Fehler einfach zugegeben? Gesagt, dass wir abgewiegelt, verniedlicht und gelogen haben? Man hätte uns verziehen.“

Warum fällt es uns eigentlich so schwer, einen Fehler einfach zuzugeben? Weil wir es bis hinauf in die höchsten Ämter nicht ernst genug nehmen mit der Tugend und Übung der Buße. Die ja zuvörderst eine Chance ist, indem sie es uns erlaubt, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen und unbelastet in die Zukunft zu gehen. Vor der Chance kommt freilich die Pflicht, zu den eigenen Fehlern zu stehen. Was mit Umkehr verbunden und das Gegenteil von einem „Weiter so!“ ist. „Weiter so!“ ist aber nicht zuletzt die Dauerdevise der Politik. Nur dass sie mit ihr scheitern wird – so wie Karl-Theodor zu Guttenberg früher oder später auch. Hätte er doch nur die Gelegenheit zur Buße beim Schopf ergriffen! So aber hat er eine möglicherweise letzte Chance vertan. Und deshalb dürfte das letzte Wort in seinem Fall dann doch nicht gesprochen sein.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?

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