Die Frau des Friseurs

Mein erster Friseur hat mit Vornamen Arthur geheißen. Luigi heißt mein vorerst letzter. Und Luigi hat eine Frau. Die es wie Arthur, wenn auch auf ganz andere Art und Weise mit dem Boxen hat.

Aber der Reihe nach! Als Arthur mein Friseur gewesen ist, war ich jung. Jung genug jedenfalls, um gern zum Friseur zu gehen. Was freilich nichts mit den Haaren zu tun hatte. Zu Arthur hat es mich vielmehr deshalb hingezogen, weil es bei ihm gab, was es zuhause nicht hatte: jede Menge Mickymaushefte und vor allem das Kicker-Sportmagazin. Voranmeldung gab es keine – Gott sei Dank! Denn je länger man warten musste, desto besser. Manchmal habe ich sogar irgendwelchen Herren den Vortritt gelassen. Der Stapel an ungelesenen Pretiosen war noch zu hoch.

„Wie immer?“ hat Arthur gefragt, wenn ich mich dann doch irgendwann hab drannehmen lassen. „Wie immer!“ ist meine Antwort gewesen. So hat’s dann auch ausgesehen. Aber auch beim Haareschneiden kam’s schließlich nicht auf die Haare an, sondern auf Muhammed Ali, der damals noch Cassius Clay geheißen hat. Von dem Arthur ein Fan gewesen ist und jeden Kampf gesehen hat. Und den er mir dann mit der Schere in der Hand Runde für Runde nacherzählt hat. Was ein Segen für mich war. Denn selbst wenn meine Eltern ein Fernsehgerät besessen hätten: Boxen wäre garantiert tabu gewesen für mich. Dank Arthur konnte ich dann trotzdem mitreden, wenn auch oft erst Wochen später. Denn über Cassius Clay alias Muhammed Ali hat damals alle Welt und also auch Metzingen geredet. Und nicht zuletzt deshalb habe ich Arthur geliebt. Friseure wie ihn gibt’s leider keine mehr.

Dafür gibt es Friseure wie Luigi. Der keine Mickymaushefte und keinen Kicker hat. Von dem ich auch nicht weiß, wie er zum Boxen steht. Und bei dem man sich voranmelden muss und dann in einer Viertelstunde fertig ist. Was ich durchaus zu schätzen weiß. Schließlich hat man mit 58 Jahren fast alles – auf jeden Fall einen eigenen Fernsehapparat und zum Lesen den Spiegel –, nur keine Zeit. Es passt also mit Luigi. Und deshalb ist Luigi auch mein vorerst letzter Friseur.

Nur und wie gesagt: Luigi hat eine Frau. Die ist jung und hübsch und hat mir, weil sie immer nur freitags kommt, noch nie die Haare geschnitten. Bis auf das letzte Mal. Und dabei hat sie mir wie Cassius Clay anno dazumal bei Arthur einen K.-o.-Schlag verpasst. Frage von ihr: „Was haben Sie eigentlich gemacht, als Sie noch berufstätig gewesen sind?“ Unter diesem ersten Haken zucke ich zusammen, aber sie merkt es nicht. Also erkläre ich es ihr: Radio und so für die Kirche. Ein Volltreffer für mich? Von wegen! Jetzt kommt die zweite Faust geflogen: „Das tut mir aber leid für Sie, dass man bei der Kirche mit über 65 noch arbeiten muss!“ … acht, neun, zehn und aus! –

Arthur habe ich geliebt. Luigi selber ist in Ordnung. Die Frau von Luigi aber liebe ich nicht. Und deshalb gehe ich nie wieder freitags zum Friseur – nicht mit 58, nicht mit 65 und auch nicht mit 100 Jahren. Auch wenn die Frau des Friseurs zum Schluss noch gemeint hat, ich hätte schön graumeliertes Haar. Da war es aber schon zu spät. Denn wie 65 sehe ich doch nun wirklich nicht aus, oder?

Das meint Koch. Und was meinen Sie?

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