Römer 13,8-13

Bleibt niemand etwas schuldig – außer der Schuld, die ihr niemals abtragen könnt: der Liebe, die ihr einander erweisen sollt. Wer den Mitmenschen liebt, hat alles getan, was das Gesetz fordert. Ihr kennt die Gebote: „Brich nicht die Ehe, morde nicht, beraube niemand, blicke nicht begehrlich auf das, was anderen gehört.“

Diese Gebote und alle anderen sind in dem einen Satz zusammengefaßt: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“ Wer liebt, fügt seinem Mitmenschen nichts Böses zu. Also wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.

Macht ernst damit – und das erst recht, weil ihr wißt, was die Stunde geschlagen hat! Es ist Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn unsere endgültige Rettung ist nahe; sie ist uns jetzt näher als damals, als wir zum Glauben kamen. Die Nacht geht zu Ende, bald ist es Tag. Deshalb wollen wir alles ablegen, was zur Finsternis gehört, und wollen uns mit den Waffen des Lichtes rüsten. Wir wollen so leben, wie es zum hellen Tag paßt: Keine Sauf- und Freßgelage, keine sexuellen Ausschweifungen, keine Streitigkeiten und Rivalitäten!

Laßt Jesus Christus, den Herrn, euer ganzes Leben bestimmen und hätschelt nicht euere alte selbstsüchtige Natur, damit die Begierden keine Macht über euch gewinnen.

Liebe Gemeinde,

dieser Text ist schwer zu verstehen, für manche Menschen ist er auch schwer zu ertragen. Unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden haben sich am letzten Mittwoch mit diesem Predigttext beschäftigt. Sie haben formuliert, was sie sich vorstellen unter dem, was Paulus hier schreibt: vom Licht und von der Dunkelheit, in der Menschen leben können. Wir wollen hören, was dabei heraus kam.

Reaktionen der Konfirmandinnen

Sprecher 1: Wer in der Finsternis lebt, der beleidigt die Menschen

Wer im Licht lebt, respektiert seinen Mitmenschen.

Sprecher 2: Wer in der Finsternis lebt, nützt andere Menschen aus.

Wer im Licht lebt, hilft anderen Menschen

Sprecher 1: Wer in der Finsternis lebt, dem sind alle anderen Menschen und die Umwelt egal.

Wer im Licht lebt, der macht die Augen auf und verachtet keinen, der Hilfe braucht.

Sprecher 2: Wer in der Finsternis lebt, der übt Druck aus auf schwächere Menschen, die etwas nicht können.

Wer im Licht lebt, der hilft diesen Menschen, etwas zu können, was sie vorher nicht konnten und gibt ihnen Selbstvertrauen.

Sprecher 1: Wer in der Finsternis lebt, hat kein Vertrauen zu andern.

Wer im Licht lebt, hat Freude am Leben und gibt diese Freude an andere weiter.

Sprecher 2: Wer in der Finsternis lebt, macht schwerwiegende Fehler immer wieder.

Wer im Licht lebt, lernt aus den Fehlern.

Sprecher 1: Wer in der Finsternis lebt, hat viele Grenzen.

Wer im Licht lebt, ist frei.

Liebe Gemeinde,

wir leben im Advent, in der Erwartung. In dieser Adventszeit werden Lichter angezündet. Wenn man nachts durch die Straßen geht, hier in Weinsberg, kann man die schöne Adventsbeleuchtung sehen, die an vielen Häusern, auch an unserem Dekanat, angebracht ist. Das Licht dieser Lampen erhellt die Nacht und gibt unserer Stadt eine ganz besondere Atmosphäre. Diese Lichter gehören für viele Menschen schon so untrennbar zum Advent, daß ich oft den Satz höre: Wenn ich in meinem Wohnzimmer keinen Adventskranz mit Kerzen drauf habe, dann wird es für mich nicht richtig Advent oder Weihnachten. Auch der Weihnachtsbaum, festlich geschmückt, mit Kerzen oder Glühlampen drauf, gehört in unserer Zeit für viele Menschen dazu.

Wir leben im Advent. Diese Lichter sind äußere Zeichen für ein Ereignis, das sich unbemerkt und abseits von allem vorweihnachtlichen Trubel abspielt: das Kommen Jesu, das Kommen unseres Herrn. Der Autor unseres Predigttexte, Paulus, lebt in genau dieser Erwartung: etwas Neues, Unerhörtes wird geschehen, wenn Jesus wiederkommt.

Macht ernst damit – und das erst recht, weil ihr wißt, was die Stunde geschlagen hat! Es ist Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn unsere endgültige Rettung ist nahe; sie ist uns jetzt näher als damals, als wir zum Glauben kamen.

Doch für Paulus hat die Rede von Licht und Finsternis nicht nur mit Adventskerzen in dunkler Nacht zu tun. Er führt uns in seinem Brief weiter: es geht ihm darum, daß wir Christen im Advent, in der Erwartung unseres Herrn, nicht nur äußerlich Kerzen und Lichter anzünden, sondern dieses Licht soll schon jetzt unsere ganze Person von innen heraus erleuchten und hell machen.

Die Nacht geht zu Ende, bald ist es Tag. Deshalb wollen wir alles ablegen, was zur Finsternis gehört, und wollen uns mit den Waffen des Lichtes rüsten. Wir wollen so leben, wie es zum hellen Tag paßt.

Wir leben im Advent. Wer in der Erwartung Jesu lebt, sagt Paulus, der wird sich nicht mit dem Dunkel der Welt abfinden. Für unsere Konfirmanden war dies ein ganz schwieriger Punkt dieses Textes: Viele haben sich darüber beklagt, daß unser Predigttext ja recht und gut sei, aber er sei halt auch sehr unrealistisch. Denn wer hält sich denn – so fragen unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden – wer hält sich denn an diese ganzen Gebote und Lebensregeln, die uns Paulus da vorschreibt. Kriege und Mord, Streit und Haß, Sucht und Abhängigkeit von Alkohol, Drogen oder Sexualität – sagen unsere Jugendlichen, wird es immer geben – da helfen auch keine noch so gut gemeinten Worte.

Und doch – fast alle Jugendlichen haben klare Vorstellungen, was es heißt, im Licht oder in der Finsternis zu leben, wie wir eben gehört haben. Eigentlich, ganz tief in uns, wissen wir, was Gott von uns will und was unsere Bestimmung von ihm her ist.

Wir wissen das, weil wir von Jesus gehört und gesehen haben, wie ein Mensch nach Gottes Willen leben soll. Wir wissen das, weil wir in der Erwartung leben, daß am Ende der Geschichte, am Ende unseres Weges eben nicht das große Nichts, die große Leere oder das Nirwana auf uns wartet, sondern der lebendige Herr. Wir wissen das, weil jeder Tag viele Zeichen von Gottes Liebe und Freundlichkeit bereit hält – würden wir nur besser auf sie achten.

Laßt Jesus Christus, den Herrn, euer ganzes Leben bestimmen und hätschelt nicht euere alte selbstsüchtige Natur, damit die Begierden keine Macht über euch gewinnen.

Wer sein ganzes Leben von Jesus Christus bestimmen läßt, der ist offen für das, was ihm in der Beziehung mit ihm begegnen kann: eine neue Bekanntschaft mit einem scheinbar altvertrauten Menschen. Oder ein gutes Wort für den, den man bisher nicht beachtet hat.

Leben im Advent heißt: Offen sein für das was kommt. Das kann in einer Kirchengemeinde bedeuten: offen sein für neue Menschen in der Gemeinde, neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, neue Formen der Gemeindearbeit. Und das heißt auf jeden Fall: die Liebe üben, die uns Christen mit unserer Taufe in unser Stammbuch geschrieben ist: Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten – auch dann, wenn er sich nicht nach meinem Bilde zurechtbiegen läßt, nicht meine Frömmigkeitsformen übt, nicht meine Lieder singt und doch Gott auf seine Weise lobt.

Leben im Advent heißt: Offen sein für das was kommt. Offen sein für Gottes Kommen, das immer überraschend, unberechenbar und überwältigend ist.

Liebe Weinsberger, wir leben im Advent. Ich wünsche Ihnen, daß Sie in dieser Adventszeit nicht nur Wachskerzen anzünden, sondern sich von unserem Text anzünden lassen, der von einer Erfahrung, einer Hoffnung spricht, die ein Dichter unserer Zeit in folgenden Worten ausgedrückt hat:

advent

daß hell werd’wo kein lichtlein brennt
der fremde unsre namen kennt
daß wir’s erwarten können

daß komme, der da kommen soll
verborgen, ruhig, hoffnungsvoll
wir ihn beim namen nennen

der über all die namen ist
die tag für tag man nur vergißt
sein licht soll in dir brennen

Amen.

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