Offenbarung 21,10-27

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

vor ein paar Monaten war ein Lied von Joan Osborne häufig im Radio zu hören. Es heißt: One of us – einer von uns. Darin heißt es:

Wenn Gott einen Namen hätte, wie würde er lauten?
Würdest du ihn rufen, wenn du ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstündest?


Was würdest du ihn fragen, wenn du nur eine Frage hättest?
Was wäre, wenn Gott einer von uns ist?
Nur ein Mensch wie wir?
Nur ein Fremder am Bus, der nach Hause will?
Wenn Gott ein Gesicht hätte, wie würde es aussehen?
Und würdest du es sehen wollen, wenn das bedeuten würde, an
Dinge wie Himmel oder an Jesus oder an die Heiligen und die Propheten zu glauben?
Was wäre, wenn Gott einer von uns ist?
Nur ein Mensch wie wir?
Nur ein Fremder an der Bushaltestelle, der nach Hause will?

Liebe Gemeinde, liebe KonfirmandInnen und Konfirmanden,

was wäre, wenn Gott uns Menschen so nahe wäre, daß wir ihn immer um uns hätten, daß wir ihn alles fragen dürften, alles, was uns schon immer auf dem Herzen lag? Was, wenn jeder Mensch zu Gott kommen dürfte und er für jeden ansprechbar wäre wie ein ganz normaler Mensch an der Bushaltestelle?

Wie das wäre, beschreibt unser heutiger Predigttext. Der Seher Johannes hatte eine Offenbarung und hat sie aufgeschrieben. Denn was er sehen durfte, hat den Menschen, die Gott vertrauen geholfen, mit ihren Lebensumständen zurechtzukommen.

Hören wir noch einmal, wie Johannes diesen himmlischen Ort beschreibt, der größer, schöner, reicher, herrlicher ist als alles, was wir in dürren Worten uns vorstellen:

Und er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem herniederkommen aus dem Himmel von Gott, die hatte die Herrlichkeit Gottes; ihr Licht war gleich dem alleredelsten Stein, einem Jaspis, klar wie Kristall; sie hatte eine große und hohe Mauer und hatte zwölf Tore und auf den Toren zwölf Engel und Namen darauf geschrieben, nämlich die Namen der zwölf Stämme der Israeliten: von Osten drei Tore, von Norden drei Tore, von Süden drei Tore, von Westen drei Tore. Und die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundsteine und auf ihnen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes.

Und ich sah keinen Tempel darin; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm. Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, daß sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm. Und die Völker werden wandeln in ihrem Licht; und die Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in sie bringen. Und ihre Tore werden nicht verschlossen am Tage; denn da wird keine Nacht sein. Und man wird die Pracht und den Reichtum der Völker in sie bringen. Und nichts Unreines wird hineinkommen und keiner, der Greuel tut und Lüge, sondern allein, die geschrieben stehen in dem Lebensbuch des Lammes.

Johannes zerreißt es schier, denn er spürt und sieht: Dunkle Wolken liegen über seiner Welt, in der die Menschen hin und hergetrieben werden. Ringsum werden Christen verfolgt. Auch Johannes bekommt dies zu spüren. Er war wohl so etwas wie ein Bischof. Das brachte ihn mit der damals geltenden Gesellschaft in Konflikt. Um seines Glaubens willen wird Johannes auf die Insel Patmos verbannt. Er spürt den Schmerz über Unrecht, Haß, Betrug und Gewalt. Er sieht eine Welt, die zerrissen wird. Sehnsüchtig holt er sich Kraft in den Visionen, die ihm geschenkt werden; Visionen von einer anderen Welt der Welt Gottes, die einen Kontrast zu seiner Welt bildet.

Von einer Stadt redet er. Von der Stadt Gottes. Sie heißt „Himmlisches Jerusalem“. Dieser Platz ist dort, wo Gott wohnt. Sie wird als die Braut bezeichnet. Der Bräutigam ist Christus. Das alles mögen für uns fremde Bilder und Vorstellungen sein. Aber wir müssen wissen, daß sie in einer Zeit der Verfolgung aufgeschrieben wurden. In einer schweren Zeit, in der das Wort Christus nicht in den Mund genommen werden durfte.

Die Offenbarung des Johannes ist ein Brief, der ganz im geheimen in Christenkreisen kursierte. Er war nicht zum öffentlichen Vorlesen auf den Märkten und Plätzen gedacht. Darum ist er so formuliert, daß Spitzel seinen Inhalt nicht verstehen konnten. Es war eine Botschaft für diejenigen, die im Buch des Lebens aufgeschrieben sind. In verschlüsselter Form konnte so Johannes seinen Gemeinden Mut und Kraft zum Durchhalten geben.

Mit dem Text, den wir eben gehört haben, versichert Johannes den Christen, daß sie auf mehr hoffen dürfen als vor Augen ist. Auch wenn jetzt in dieser Welt das Böse herrscht, wird doch am Ende Gott der Frieden für alle sein, die ihm vertrauen und bei ihm bleiben. Mit dem Bild von der himmlischen Stadt umschreibt er diese Verheißung. Johannes ist mit Freude darüber erfüllt, daß am Ende alle sehen und anerkennen, daß Jesus Christus wirklich das Licht der Welt ist. Die Dunkelheit hat es nicht überwunden, sie kann es nie überwinden. In dieser Stadt werden die Knechte Gottes ihm dienen, schreibt Johannes. Sonne und Mond braucht es nicht mehr. Gott selbst gibt Licht und Christus als das Lamm Gottes ist für alle das Licht des Lebens.

Vorbei sind die Zeiten der Angst, der Schmerzen und des Leidens. Vorüber ist aller Kampf; es muß nicht mehr für das, was recht ist, gestorben werden.

Weinen wird es nicht mehr geben;

Tod wird es nicht mehr geben;

Trauern wird es nicht mehr geben;

Leiden wird es nicht mehr geben.

Weder Tag noch Nacht wird es mehr geben.

Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt.

Mit dem Bild von der himmlischen Stadt umschreibt Johannes diese Verheißung.

Der Bauplan dieser Stadt ist voller ergreifender Details. Ein Stein fügt sich in den anderen und läßt die ganze Breite und Größe dieser trostvollen Vision erstehen.

* Diese Stadt hat keine Tore, die geschlossen werden müßten. Eine Abgrenzung, die andere ausschließt, ist nicht mehr nötig. Es gibt zwar eine Mauer. Aber im Vergleich mit den Ausmaßen der Stadt ist ihre Höhe gering. Sie markiert nur, daß es einen Unterschied gibt zwischen draußen und drinnen, zwischen denen, die im »Buch des Lammes« stehen und all den anderen.

* In dieser Stadt herrscht kein Dunkel.

Es gibt in dieser Stadt keine dunklen Ecken mehr; ihre Mauern sind kristallklar, selbst Gold ist durchsichtig wie Glas. Hier herrscht eine heilvolle Offenheit und Durchsichtigkeit. Man muß nichts mehr verbergen. Das Licht der Liebe Gottes durchflutet die Menschen, die in der Stadt wohnen.

* In dieser Stadt gibt es keinen Tempel mehr.

Ein Tempel ist in dem neuen Jerusalem, das Johannes sieht, nicht mehr nötig. Denn Gott ist überall und bei allen gegenwärtig. Es muß nicht mehr getrennt werden zwischen heilig und profan, zwischen rein und unrein. Alle und alles gehören zu Gott, und darum ist auch alles rein.

Liebe Gemeinde,

All diese unterschiedlichen Bilder wollen uns eines gewiß und anschaulich machen: Es gibt in einer Zukunft, die unsere Vorstellungen von Zeit und Raum übersteigt, eine Begegnung mit Gott, in der die Beziehung zu ihm unser ganzes Sein, aber auch eine neue Gemeinschaft von Menschen und eine neue Welt bestimmt und erfüllt. Aber weil diese zukünftige Gemeinschaft mit Gott schon jetzt im Glauben beginnt, kann die Vision von ihr schon Bedeutung für unser gegenwärtiges Leben gewinnen. Menschen mit einer Vision sind gefragt!

Hier wird uns eine angeboten: Es ist die Vision, daß die Gemeinschaft, die Menschen im Vertrauen auf Gott haben, Bestand hat, über unsere Zeit hinaus.

Ich weiß, und Sie wissen: die Nachrichten unserer Welt widersprechen immer noch heftig dieser Vision einer Gottesstadt. Noch immer sind wir weit entfernt, auch hier in Lehrensteinfeld, von dieser Vision. Noch immer herrschen andere Mächte und Herren in der Welt, Neid und Mißgunst, Machtstreben und Tod.

Doch Johannes lädt uns ein, uns auf diese Vision Gottes für uns einzulassen.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie lebten in dieser Stadt, die Gott für uns bereit hält. Beim Zusammenleben gibt es keine Schwierigkeiten. Konflikte sind ein Fremdwort. Der eine läßt den anderen gelten. Niemand ist auf den andern neidisch oder gar gehässig. Die Menschen gehen in dieser Stadt lächelnd und glücklich umher.

Manchmal möchte der eine doch schlechte Laune haben oder keine Zeit, eine andere möchte den anderen etwas Übel nehmen und ein dritter möchte schimpfen, weil ihn etwas ärgert. Nur: es geht nicht! Es klappt nicht mit der schlechten Laune und dem Schimpfen und dem Gekränktsein.

Weil eben Gott in der Stadt und wohnt. Er wohnt im letzten Haus an der rubinroten Straße zum Markt hin. Es ist kein besonderes Haus, aber an der Haustür hängt ein Schild, rechteckig und goldenen, auf dem steht mit großen Buchstaben geschrieben: GOTT. Gott geht viel spazieren durch die Stadt. Wenn man ihm begegnet, merkt man sofort, daß er es ist. Man hat das Gefühl, als ob es plötzlich hell würde, wenn er mit einem spricht – und er spricht immer gerade mit denen, die schlechte Laune haben wollen oder kein Zeit oder gerade schimpfen wollen.

„Wie geht es dir?“ fragt er und „Denkst du noch an mich?“ Und „ich habe dich lieb. Hast du das vergessen?“.

»Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz werden mehr sein; denn das erste ist vergangen.«

Amen.

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